Buchrezension: Das Asexuelle Spektrum von Carmilla de Winter

Carmilla de Winters Geschichte beginnt wie die vieler asexueller Personen. Sie war anders als die anderen Mädchen in ihrer Klasse und fühlte sich, als wäre sie „unfreiwillig auf einem fremden Planeten gelandet“ (S.8). Während sich also alle Welt mit Sex zu beschäftigen schien, war das für Carmilla kein interessantes Thema. Es dauerte einige Jahre, bis sie auf den Begriff ‚asexuell‘ stieß, sich damit identifizierte und schließlich zu einem a_sexuellen Stammtisch ging. Mit dieser Geschichte hatte sie Glück, schreibt Carmilla, denn andere „fanden die Begriffe nicht rechtzeitig und erzählten von gescheiterten Beziehungen, von traumatisierenden Erfahrungen und von wesentlich mehr Dellen in ihrem Selbstwertgefühl“ (S.10).

Auch wenn die Aufmerksamkeit für Asexualität in den Medien und der Gesellschaft langsam zunimmt, gab es bisher kein einziges deutschsprachiges Buch, sondern ausschließlich Informationen im Internet, die mühsam zusammengesucht werden müssen oder verschiedene Broschüren. 2015 erschien „the invisible orientation“ von Julie Sondra Decker – ein tolles Buch einer asexuellen Person zu Asexualität, für alle, die mehr darüber lernen wollen. Das wurde aber nie auf Deutsch übersetzt. Deswegen schrieb Carmilla de Winter nun also das Buch, das dringend gebraucht wird – eine „geführte Tour durch das asexuelle Spektrum“ (S.10). All denen, die sich noch nicht Asexualität auskennen, gibt sie nun dieses Buch zur Hand. Egal ob Menschen in Gesundheitsberufen, Angehörige von sexuellen Menschen oder Menschen, die selbst Aufklärungsarbeit leisten. Gerade für die Menschen, die sich noch nicht mit Asexualität auskennen, gibt die Autorin sich Mühe, Gedankengänge von asexuellen Personen z.B. zu Sexszenen in Filmen exemplarisch darzustellen.

Das Buch ist geeignet für alle, auch die, die bisher noch nichts zu Asexualität wissen. Es geht darum, wie Asexualität zu definieren ist (und wieso alleine der Versuch der Definition einiges Kopfzerbrechen bereitet) und darum, wie unterschiedlich asexuelle Menschen sind. Carmilla de Winter beschreibt außerdem die Geschichte des Begriffs ‚asexuell‘ und erzählt, wie die asexuelle Community entstand (als ein Forum für ‚menschliche Amöben‘). Außerdem nimmt sie Vorurteile und Missverständnisse zum Thema Asexualität humorvoll auseinander.

Ich möchte außerdem positiv anmerken, dass Carmilla de Winter in ihrem Buch die Vielfalt asexueller Menschen feiert: egal, welche Definition sie genau für ihre sexuelle Orientierung nutzen, egal welche Erklärung sie für ihre Asexualität haben und egal, ob dies mit ihren eigenen Überzeugungen und Einstellungen übereinstimmt – Carmilla de Winter ruft dazu auf, diese Vielfalt zu respektieren und anzuerkennen. Sie stellt sich entschieden gegen eine „Identitätspolizei“, die Menschen vorschreiben will, was „richtige“ Asexualität ist. Denn: „Das alles verletzt Menschen, die sowieso meistens schon Verletzungen mitbringen. Außerdem erreicht man am Ende nur, dass man sich aneinander aufreibt, statt um bessere gesellschaftliche Bedingungen für alle zu kämpfen“ (S.33).

Besonders spannend sind Carmilla de Winters Überlegungen dazu, inwiefern Asexualität eine sexuelle Orientierung ist. Sie führt aus, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen auf der einen Seite und asexuellen Menschen auf der anderen Seite gibt und welche Konsequenzen es z.B. rechtlich hätte, wenn asexuelle Menschen nicht durch ein Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung geschützt wären.

Carmilla de Winter ist schon lange Teil der asexuellen Community, genau das macht sie zu einer sehr guten Reisebegleitung  in diesem Buch. Sie kennt sich mit den Diskussionen und der Geschichte aus, und kann oft sehr gut schildern, wie und wieso verschiedene Begriffe entstanden sind (z.B. ‚allosexuell‘, das mit einer Diskussion auf tumblr entstand). Sie erzählt auch nach, wie sich die asexuelle Community in Deutschland entwickelt hat. Das macht dieses Buch auch für Menschen spannend zu lesen, die sich grundsätzlich schon ganz gut mit Asexualität auskennen.

Natürlich führt uns Carmilla de Winter auch in das asexuelle Spektrum ein, wie der Titel des Buches schon verspricht. Sie schreibt über Demisexualität und die Schwierigkeit, das von sexuellen Normen abzugrenzen, die für Frauen gelten, über verschiedene Arten von Anziehungen und das Split-Attraction-Modell, und auch über Aromantik und das aromantische Spektrum. Außerdem räumt sie gründlich auf mit Gate-Keeping-Mechanismen innerhalb der asexuellen Community („Du bist nicht wirklich asexuell wenn du …“). Besonders gut gefallen hat mir ihre Analyse davon, wie sich Asexualität mit verschiedenen Diskriminierungen verschränkt, also zum Beispiel, welche Lebenssituation asexuelle Menschen mit Behinderung haben – oder inwiefern die Übersexualisierung von Schwarzen Menschen es erschwert, sich als asexuell zu definieren.

Neben diesen Sachinformationen hat das Buch auch einen Ratgeber-Teil, in dem die Autorin sehr sensibel, einfühlsam und ausführlich auf verschiedene Bedenken und Sorgen von (möglicherweise) asexuellen Menschen eingeht, z.B. „Sollte ich nach meinen Hormonen schauen lassen?“ oder „Ich wollte immer Kinder haben – geht das noch, wenn ich asexuell bin?“. Carmilla de Winter schafft es hier, Ängste zu nehmen und Menschen, die verunsichert und alleingelassen sind, Mut zu machen und sie zu empowern. Das ist eine große Stärke dieses Buchs. Auch für Eltern und Partner*innen von asexuellen Personen gibt es einen kleinen Ratgeber-Teil, der sich gut als Unterstützung bei einem Coming Out eignet.

Ich würde über mich selbst sagen, eigentlich viel über Asexualität, das asexuelle Spektrum und Aromantik zu wissen. Trotzdem habe auch ich einiges durch das Buch von Carmilla de Winter gelernt – und hatte Spaß dabei. An manchen Stellen waren mir persönlich die Formulierungen etwas zu flapsig und unüberlegt bzw. zu sehr subjektiv-wertend und es wurden doch einige Geschlechterstereotype und cisnormative Formulierungen gewählt, auf die ich hätte verzichten können. Es irritiert z.B. auch, dass die Autorin alle trans und inter* Personen unter der Phrase „Menschen mit Geschlechtsthematik“ bezeichnet. Trotzdem kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

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