Was denken queere Männer über die Netflix-Serie “Heartstopper”?

Die Netflix-Verfilmung der Graphic-Novel- und Internet-Comic Serie Heartstopper ist aktuell in aller Munde. Es geht darin um Charlie, der sich in seinen Mitschüler Nick verliebt. Team-Mitglied Annika hat mit zwei queeren Männern, die schon lange queeren Aktivismus machen, über die Serie gesprochen und was sie für sie bedeutet.

Achtung: Dieses Interview enthält Spoiler für die erste Staffel von Heartstopper und die ersten beiden Bände der Graphic Novels.

Christian (er/ihm) ist 33 Jahre alt und Literatur- und Kulturwissenschaftler. Fabian (er/ihm) ist auch 33 Jahre alt und ist von Beruf Informatiker und Softwareentickler.

Danke, dass ihr euch die Zeit nehmt, mit mir über Heartstopper zu sprechen. Bevor wir tiefer einsteigen: Würdet ihr sagen, dass diese Serie die Situation queerer Menschen realistisch darstellt? Oder ist es vielleicht eher eine utopische Darstellung, ein Wunschtraum?

Fabian: Ich finde, es hat etwas von beidem. Teilweise ist es sehr realistisch, z.B. wenn es um Mobbing geht. Aber es gibt auch utopische Anteile, z.B. weil alle Freund*innen von Charlie so offen und akzeptierend sind.

Christian: Dem schließe ich mich an – ich glaube auch, dass ist so der Konsens auf TikTok und anderen Plattformen zu dieser Serie aktuell. Manche bezeichnen Serie als unrealistisch, weil es ganz weit weg von ihren eigenen Erfahrungen ist – und Andere sagen, dass sie genau das abbildet, was sie erlebt haben. Insofern hat es utopische Anteile in seiner Cuteness – aber es scheint auch nicht unmöglich zu sein, dass das so passiert.

Fabian: Viele queere Menschen wollen ja queere Serien oft gerade nicht anschauen, weil sie oft weit weg von ihren eigenen Erfahrungen sind – gerade bei Heartstopper hat man aber das Gefühl, dass Alice Oseman weiß, was sie da über queeres Leben schreibt.

Wieso denkt ihr, dass Heartstopper gerade für so viel Wirbel sorgt? Das ist ja nicht die allererste queere Serie…

Christian: Ich glaube, der Hype kommt daher, dass in der Serie und den Comics realistische Gefühlslagen abgebildet werden. Man kann sich einfach gut in die Charaktere hineinversetzen. Das beste Beispiel dafür ist die Szene, in der Nick in seinem Zimmer sitzt und "Am I gay" ["Bin ich schwul?"] googelt, während ihm eine Träne die Wange herabläuft. Es ist auch eine witzige Szene, weil jeder queere Mensch sich darin erkennen kann – das haben wir sicher alle schon mal gemacht.

Ich finde spannend, dass vor allem queere Erwachsene diese Serie so heilsam finden, während es ja eigentlich um Jugendliche geht. Woran liegt dieser Altersunterschied zwischen Publikum und Charakteren?

Christian: Ich glaube, diesen Unterschied gibt es gar nicht so sehr, viele Menschen schauen diese Serie. Beim älteren Publikum wird aber ganz besonders etwas aufgebrochen. Wir queeren Erwachsenen sind Geschichten über queere Menschen gewohnt, in denen es ständig um Traumata geht. Das ist in Heartstopper nicht der Fall. Klar gibt es traumatische Ereignisse und Konflikte, aber sie werden gut aufgearbeitet und nicht in den Mittelpunkt gerückt.

Fabian: Ich glaube, für queere Erwachsene ist das Faszinierende an Heartstopper, dass es die Serie ist, die sie gerne als Jugendliche angeschaut hätten. Es gab auch früher schon queere Serien wie z.B. Queer as Folk, aber das war einfach etwas Anderes. Heartstopper tut einfach gut, das hätte ich früher auch gerne gehabt.

Lasst uns mal über zwei große Storylines sprechen. Ein großer Teil der Geschichte ist Nicks Coming Out – wie findet ihr die Darstellung davon?

Fabian: Das ist eine gute Frage. Für mich war es sehr nachvollziehbar dargestellt. Die Entwicklung, die Nick durchmacht hat mir sehr gefallen. Er hinterfragt sich selbst, er ist sich unsicher, er will vielleicht Charlies Hand halten… Ich finde wichtig, dass das gezeigt wurde. Das Coming-out ist ein Prozess – und viele wissen eben nicht direkt, ob sie tatsächlich queer sind oder welches Label zu ihnen passt.

Christian: Ich finde Kit Connor, der Schauspieler, der Nick spielt, hat das toll gemacht. Er hat viel mit Mimik gearbeitet und man kann ihm seine Unsicherheit tatsächlich ansehen. Vor allem die Coming-out-Szene bei der Mutter war sehr realistisch. Die Mutter hat Nick oder den Zuschauer*innen eigentlich zu keinem Zeitpunkt Anlass gegeben, zu glauben, dass ein Coming-out schlecht laufen würde. Und trotzdem ist Nicks Anspannung und die Auflösung, die Erleichterung, als sie positiv reagiert, sehr realtistisch.

Annika: Ich glaube auch, dass die Serie da Aufklärungscharakter für cis und hetero Menschen hat. Sie können sich anschauen, wie eine gute Reaktion und ein guter Umgang mit einem Coming-out aussehen kann. Zum Beispiel, dass sie Nick Zeit geben für sein Coming-out, ihm keinen Druck machen, ihn akzeptieren, ihn nicht fremdouten usw. Das fand ich sehr stark – und ein bisschen utopisch.

Fabian: Stimmt. Wir erfahren aber auch, dass Charlie z.B. in der Vergangenheit versehentlich fremdgeoutet wurde. Und wir sehen die Auswirkungen davon, was passiert, wenn jemand ohne Zustimmung geoutet wird. Das finde ich auch wichtig.

Christian: Da muss ich mich Fabian anschließen. In der Serie gibt es zu Nicks Coming-out mit der Figur von Tara auch einen guten Spiegel. Da sehen wir, dass es durchaus Menschen gibt, die mit Beleidigungen, Abwertung und Mobbing auf ein Coming-out reagieren. Es ist wichtig, dass das gezeigt wird. Dadurch, dass Tara aber ein Nebencharakter ist, können wir ein bisschen besser Abstand halten und es ist nicht ganz so anstrengend zu sehen.

Fabian: Es gibt da den spannenden Unterschied zwischen der kleinen Gruppe der Hauptcharaktere, in der alle wunderbar reagieren, und der Außenwelt, in der es auch queerfeindliche Menschen gibt. Die Serie stellt also nicht nur eine perfekte, queere Utopie dar, sondern auch die realen Probleme, die queere Menschen heute noch haben.

Annika: Das sehen wir ja auch bei Ben als Charakter, der sich (noch) nicht outen will. Die Serie stellt also eine große Vielfalt an verschiedenen Coming-out-Verläufen und Möglichkeiten dar. Eine weiteres wichtiges Thema ist Mobbing – wie schätzt ihr den Umgang der Serie damit ein?

Christian: Ich finde es eine unfassbar gute Darstellung. Das Mobbing liegt in der Vergangenheit und ist damit nicht der Hauptfokus der Serie. Die Frage ist: wie lerne ich, damit zu leben? Wie lerne ich, damit umzugehen? Mit den Charakteren Ben und Harry ist das Mobbing-Thema immer noch präsent, obwohl das, was in der Serie selbst gezeigt wird, vergleichsweise milde, aber natürlich trotzdem schlimme, Formen von Mobbing sind. Die Darstellung ist deswegen so gut gelungen, weil Charlies Reaktion darauf so nachvollziehbar ist. Viele Menschen können sich in Charlies Angst wiederfinden und in seiner Sichtweise, dass er sich an das Mobbing gewöhnt hat. Man könnte natürlich auch sagen, dass das keine gute Darstellung ist, weil sich niemand an Mobbing gewöhnen sollte, aber es ist leider realistisch.

Fabian: Ich finde schön, dass das Mobbing in der Vergangenheit immer mal wieder erwähnt wird, aber der Fokus der Serie darauf liegt, dass Charlie inzwischen ziemlich selbstbewusst ist und mit seinen Erlebnissen klarkommt. Damit bekommen wir als Zuschauende mit, dass Mobbing existiert und schlimm ist, aber wir bekommen nicht noch eine tragische queere Geschichte vorgesetzt.

Christian: Charlies Selbstbewusstsein ist eine spannende Charakterentwicklung im Laufe der Serie. Und wir sehen, dass das keine gerade Entwicklungslinie ist, sondern auch Brüche hat – nachdem wir die Staffel hindurch beobachten können wie sich Charlie entwickelt gibt er sich am Ende ja dann doch die Schuld für alles und er braucht eine Weile, um zu verstehen, dass das nicht so ist.

Fabian: Das sehen wir ja auch in der Weiterführung der Geschichte, mit all dem, was er noch so erleben wird. Deswegen ist seine Charakterentwicklung so realistisch.

Annika: Diese Selbstbeschuldigung ist ja eine klassische Traumareaktion, die viele queere Menschen kennen.

Fabian: Genau! Ich finde, die Stärke liegt hier darin, dass Charlies Umfeld, also sein Lehrer, seine Familie, seine Freund*innen ihm spiegeln: Du wurdest gemobbt und das war traumatisch und wir achten auf dich. Und deswegen sind sie ja auch misstrauisch wegen Charlies und Nicks Beziehung am Anfang – weil sie Charlie beschützen wollen.

Annika: Spannend war für mich auch, dass gezeigt wird, dass alle Jugendlichen Stress haben: Sie müssen herausfinden, wer sie sind – aber queere Jugendliche haben zusätzlich noch Stress mit Coming-out und Mobbing. An Tao sehen wir, dass cisgeschlechtliche und heterosexuelle Jugendliche diesen queeren Stress nicht haben und oft auch nicht verstehen, auch wenn sie Verbündete sind. Das sagt Charlie ja auch in der Serie zu seinem Lehrer: Er hat tolle Freund*innen, aber manche Sachen verstehen sie eben nicht – weil sie nicht queer sind.

Was denkt ihr: Was können nicht-queere Menschen von Heartstopper mitnehmen?

Christian: Ich glaube, diese Serie ist ein tolles Empathietraining für cisgeschlechtliche und heterosexuelle Menschen, weil sie einen guten Einblick in das Innenleben queerer Personen gibt. Damit kann man versuchen, sich reinzufühlen.

Fabian: Genau. Und man lernt, wie eine gute Reaktion auf ein Coming-out aussehen kann und was wichtig ist im Umgang mit queeren Menschen im Alltag.

Christian: Deswegen ist die Szene, in der Nick sich bei seiner Mutter outet, auch eine so wichtige Szene. Sie sagt einfach "Danke, dass du mir das erzählst. Ich hab dich lieb" – und das ist eine sehr gute Art, auf ein Coming-out zu reagieren. Sie stellt zum Beispiel nicht ganz viele intime Fragen, sondern sie gibt Nick einfach Sicherheit.

Annika: Für unsere heutige Gesellschaft ist das eine super Reaktion, das stimmt. Ich hoffe aber, dass wir irgendwann in einer Gesellschaft leben, in der es keine Rolle mehr spielt, welche sexuelle Orientierung eine Person hat und wo Coming-outs nicht mehr dramatisch sind…

Was würdet ihr denn sagen: Welche queeren Geschichten müssen noch erzählt werden? Was fehlt noch in den Medien?

Fabian: Erstmal finde ich wichtig, hervorzuheben, dass ich die trans Repräsentation mit Elle als Charakter super finde.

Christian: Das stimmt! Elle wird nie gedeadnamed oder ihre Identität infrage gestellt. Das ist ein toller Fortschritt. Gleichzeitig brauchen wir noch deutlich mehr trans Repräsentation. Was noch fehlt, ist eine ähnliche Geschichte wie Heartstopper über eine trans Person, die ein Coming-out hat – die dann ebenfalls nicht so dramatisiert ist. Das gibt es noch nicht.

Fabian: Ich wünsche mir mehr Serien und Geschichten wie Heartstopper – von Autor*innen, die wirklich Ahnung haben, was sie da erzählen. Heartstopper ist nicht einfach eine normale Serie, in die dann eine queere Geschichte eingeflochten wurde, sondern es ist eine authentische Geschichte. Von diesen Geschichten brauchen wir viel mehr.

Christian: Genau. Ähnliche Serien und Filme sind von heterosexuellen Personen für ein heterosexuelles Publikum geschrieben – und das merkt man leider.

Fabian: Genau, Heartstopper wird für queere Menschen erzählt und tut uns deswegen so gut. Und es ist keine übersexualisierte Darstellung.

Annika: Queere Menschen als sexuelle Wesen darzustellen hat seine Berechtigung, aber ja, es ist schön, hier mal eine queere Geschichte zu sehen, in der es einfach um Liebe und Romantik geht. Ich finde auch schön, dass Nick als bisexuell und die Beziehung von Nick und Charlie als eine Beziehung zwischen einem schwulen und einem bisexuellen Paar dargestellt wird. Es gibt schließlich kaum kulturelle Darstellungen von bisexuellen Männern.

Christian: Während Darcy und Tara in der Graphic Novel als lesbisch gezeigt werden, sehen wir Darcy in der Serie häufig mit den Pan-Pride-Farben. Das ist auch toll, dass in der Serie so viele unterschiedliche sexuelle Orientierungen gezeigt werden.

Wie gefällt euch denn die Darstellung von Männlichkeit in der Serie?

Christian: Ich finde es sehr ambivalent. Manche Darstellungen sind problematisch. Nicht nur bei den "Bösewicht"-Charakteren wie Ben und Harry, sondern auch bei Tao und Charlie, die manchmal sehr lange brauchen, bis sie über ihre Gefühle sprechen. Nick dagegen ist eine tolle Darstellung: zum Beispiel in seinem Gespräch mit Imogen auf der Parkbank. Er spricht über seine Gefühle und macht sich verletzlich und ist ehrlich – so eine Darstellung gibt es viel zu selten. Auch Charlies Vater ist eine positive Darstellung – und wir sehen so selten positive Vaterfiguren, die sich kümmern.

Danke für das Gespräch! Wollt ihr noch etwas loswerden?

Fabian: Ich will noch die anderen Bücher von Alice Oseman empfehlen, die sind alle sehr gut.

Christian: Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie sehr ich auf tragische queere Geschichten konditioniert bin. Ich habe bei jedem Episodentitel immer das Schlimmste erwartet. Deswegen ist diese Serie so gut, weil es unsere Erwartungen an queere Geschichten aufbricht.

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Eine Antwort

  1. Anonymous sagt:

    Ich finde Alice Osemans Bücher insgesamt großartig- nicht in allen ist Queerness bzw. eine queere Beziehung der Fokus (z.B. in “I Was Born For This”), aber es ist trotzdem immer präsent, einfach weil die Charaktere eben queer sind. Manchmal geht es aber auch genau um diese Selbstfindung, wie in “Loveless”, was sich um Asexualität und Aromantik dreht. Meiner Meinung nach absolut zu empfehlen!

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