Kummerkastenantwort 6165: Ich weiß nicht auf wen ich stehe
Hi liebes Kummerkasten-Team,
ich weiß echt nicht, was ich bin.
Früher hatte ich nie Crush es in der Schule, während andere teilweise schon in der 6. Klasse den ersten Freund hatten. Andere haben ständig über Crush und Beziehungen gesprochen und auch in Zeitschriften wie der Mädchen oder der Bravo gibt es ja diese Berichte von Mädchen, die einen Crush haben und gerafe einmal 10 sind. Dann in der 10. Klasse dachte ich, ich hätte einen Crush auf einen Schauspieler. Ich fand halt die Rolle cool und der sah auch ganz gut aus, ich wollte sogar jede Serie und Film mit ihm sehen, hab mir auch vorgestellt, dass wir vielleicht mal zusammen wären. Das war aber auch nach nem Monat wieder vorbei. Dann in der 11. Klasse hatte ich einen „Crush“ (?) auf einen Klassenkameraden. Der hatte halt ne coolen Style, sah aber mittelmäßig aus. War aber nett zu mir. War dann bisschen neidisch, als der auf einer Party mit einer Freundin anstatt mit mir getanzt hat. Das war aber auch nach 2 Monaten vorbei. Jetzt in der Ausbildung hab ich zwei Kollegen, 2/3 Jahre älter als ich. Die sehen halt nicht schlecht aus, sind nett zu mir und sowas. Kann manchmal nicht aufhören, sie anzuschauen. Aber Beziehung weiß ich nicht.
Wenn ich an Sex denke, finde ich das einfach nur eklig, ich verstehe das nicht, eine romantische Beziehung hätte abef ich vielleicht gerne??
In Filmen finde ich meist die männlichen Hauptcharactere cool und muss ständig an die denken, aber Irl finde ich meistens Ffauenkörper schöner, aber nicht wirklich Crush, denn ich.
Woher soll ich wissen, wie sich ein Crush anfühlt, wenn ich noch nie einen hatte, denn ich?
Und was bin ich? Stehe ich auf Männer oder Frauen oder beides oder gar nichts. Ich bin total verwirrt.
Ich fühle mich auch nicht wirklich zu irgendwas hingezogen.
Eine Beziehung mit einer Frau könnte ich mir vorstellen, eventuell auch mit einem Mann, aber Sex mit niemandem. Bei Beziehung bin ich mir aber auch unsicher.
Ich hoffe ich habe es halbwegs verständlich ausgedrückt<3
Guten Tag,
ich kann gut nachvollziehen, was dir durch den Kopf geht. Das Ding ist, diese Gesellschaft ist ziemlich sexualisiert und redet offen und impliziert teilweise auch verdeckt, sehr viel Dinge, die irgendwie mit Sex und Intimität zu tun haben. So wirkt es schnell, dass alle da viel Bedürfnis nach haben. Aber das wirkt nur so. Ist manchmal schwierig, weil das, wie du sagst, schon sehr früh und immer wieder irgendwie für uns als „normal“ redensartlich verkauft wird, aber letztlich ist nichts falsch dran, da weniger bis gar kein Bedürfnis nach zu haben. Gleichzeitig wächst gerade auf die, die möglicherweise aromantisch oder asexuell sind, der Druck und sie suchen Antworten für sich und für andere, mit denen sie sich und die Welt erklären sollen. Aber wie soll denn ein fehlendes Bedürfnis richtig beschrieben werden? Wie soll der Unterschied beschrieben werden, wenn das Gegenteil einfach außerhalb des eigenen Erfahrens liegt? Richtig, das ziemlich schwer bis unmöglich.
Queere Menschen tragen öfter Unsicherheit mit sich rum, das Q oder eines der Qs in vielen LGBTQ-Akronyming steht daher für Questioning. Ein bewusstes Platz machen für „da bin ich mir unsicher, das hinterfrage ich und ich stehe im Zweifel da auch für den Zweifel“. Auch das ist und bleibt queer.
Einerseits verstehe ich die Ungemütlichkeit deiner Ausgangslage und das Bedürfnis da mehr zu wissen und zu verstehen und einsortieren zu können. Andererseits: es ist Zeit. Es gibt keinen Preis dafür, schneller sicherer zu sein. Es gibt aber viel Frust drüber, immer wieder anzukommen, dass man Dinge noch nicht weiß, aber sie ja wissen müsste und sollte und sowieso. Daher an dieser Stelle: ne, musst du nicht. Du darfst dir Zeit nehmen.
Vielleicht findest du dich wieder in den Geschichten, die asexuelle und aromantische Personen über ihre Coming Ins und Coming Outs erzählen.
Liebe Grüße
Xenia

