Kummerkasten Antwort 166: Frage zu Skoliosexualität

Liebes Team vom Queer Lexikon,

ich habe eine Frage und Anmerkung zum Begriff Skoliosexuell bzw. romantisch.
Woher kommt dieser Begriff und wie ist dieser entstanden, wisst ihr etwas dazu?
Ich habe gelesen, dass der Begriff sich auf das lateinische skolio = gebeugt bezieht.

Ich verorte mich selbst als nicht-binär und finde diesen Begriff überhaupt nicht passend, eigentlich sogar diskriminierend: Warum?
Ich habe selbst eine Form der Skoliose, eine Erkrankung der Wirbelsäule, die überhaupt nicht toll ist. Sowohl im deutschen, als auch englischen ist im Begriff SKOLIOSExuell auch Skoliose enthalten. Der Begriff bezieht sich somit indirekt auch auf die Krankheit. Ich denke, das es nicht die Absicht von Menschen ist, sich auf diese Krankheit zu beziehen. Dennoch wird sie indirekt damit angesprochen und ich finde es mit meiner Mehrfachzugehörigkeit irritierend, wenn eine Person sich so identifiziert. Steht die Person, dann wohlmöglich auf nicht-binäre Körper / Identitäten oder auch auf Menschen mit dieser Krankheit?
Zudem ist die Verbindung mit dem skolio = gebeugt überhaupt keine empowernde Wendung. Ich möchte nicht, als nicht-binäre Identität in eine Verbindung mit gebeugt gebracht werden und ich vermute viele andere auch nicht. Das geht jeglichen Pride Verständnis meinerseits entgegen.
Ich würde gerne einen neuen Begriff dafür haben, wenn Menschen ausdrücken wollen, dass sie auf nicht-binäre Identitäten stehen (falls das überhaupt notwendig ist): Hier ein paar spontane Gedanken: enbysexuell, nbsexuell, nonby-sexuell. Ich hoffe das bringt einige Menschen zum Nachdenken und nicht Weiterverbreitung dieses Begriffes.

Hallo lieber Mensch,

danke für deine Anmerkung. Viele neue Labels und Bezeichnungen sind ein Prozess, um herauszufinden, was eine Community braucht und wie Menschen sich gerne bezeichnen wollen. Es ist immer wichtig, auf Probleme aufmerksam zu machen, um, wenn möglich, bessere Lösungen zu finden.

Zuerst zu deiner Frage: Der Begriff stammt anscheinend von einer Person namens Nelde auf DeviantArt – Nelde hat den Begriff 2010 erfunden, um Anziehung zu genderqueeren/nichtbinären Menschen zu beschreiben. Und ja, der Begriff leitet sich vom altgriechischen “skolios” ab, was soviel heißt wie “verbogen” oder “gekrümmt”. Gewählt wurde dieser Begriff aber nicht, weil er irgendwas mit Skoliose zu tun hat, sondern weil er die altgriechische Variante von “queer” sein soll, was ja auch “seltsam” oder “verquer” bedeutet (auf Englisch funktionieren die beiden Begriffe noch besser als Synonyme). Es wird außerdem stark betont, dass es eben nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale der Menschen geht, zu denen eins sich hingezogen fühlt, sondern einzig und allein um die Identifikation dieser Menschen. (Hier ist übrigens meine Quelle für diese Infos.)

Die Person, die diesen Begriff erfunden hat, meinte den also überhaupt nicht böse oder in irgendeinem Zusammenhang mit Skoliose, sondern im Gegenteil, es wird sich auf einen empowernden, reclaimten Begriff bezogen. Ein guter Wille heißt aber noch lange nicht, dass dieser Begriff deshalb nicht verletzen kann. Es ist vollkommen in Ordnung und verständlich, wenn der Begriff für dich schmerzhaft ist und ja, du hast voll und ganz das Recht, nach neuen Begriffen zu suchen und/oder deinen eigenen Begriff zu prägen. “Enbysexuell” finde ich persönlich auch sehr gut und kann das gerne in unser Glossar aufnehmen. “Ceterosexuell” ist übrigens ein weiterer Begriff, der spezifisch die Anziehung von nichtbinären Menschen zu anderen nichtbinären Menschen beschreibt (im Gegensatz zu “skoliosexuell”, wo das Geschlecht der eigenen Person keine Rolle spielt).

Allerdings bin ich mir aktuell nicht sicher, wie wir weiter mit dem Begriff “skoliosexuell” umgehen sollen. In unserem Glossar stehen viele Begriffe, die aus dem ein oder anderen Grund für manche Menschen schwierig sind; unser Ziel ist es aber erstmal, alle Begriffe zu sammeln, damit Menschen, die über ein bestimmtes Wort stolpern, hier erstmal herausfinden können, was es bedeutet. Daher möchte ich den Begriff ungern ganz aus dem Lexikon streichen. Es wird auch immer so sein, dass in unseren Communities Begriffe verwendet werden, die für manche empowernd und für andere sehr negativ sind – ich z.B. bin selbst auch nichtbinär und habe Skoliose und habe kein Problem mit dem Begriff, mag aber z.B. “ceterosexuell” nicht, weil sich das von “et cetera” ableitet und halt mal wieder nichtbinäre Menschen als “alles weitere”/”das übrige”/”der Rest” abstempelt (ähnlich wie “divers” als Geschlechtseintrag). Andere werden wiederum nicht glücklich sein mit “enbysexuell”, vielleicht weil es nicht inklusiv genug ist oder weil “enby” zu verniedlichend ist. Es wird also schwierig sein, ein einziges Wort zu finden, mit dem alle zufrieden sind.

Ich persönlich denke, das ist okay. So wie trans Menschen über die Jahrzehnte und an unterschiedlichen Orten der Welt unterschiedliche Begriffe gefunden haben, um sich zu beschreiben, so wie Leute sich immer noch streiten, ob Begriffe wie “queer”, “dyke” oder “fag” zurückerobert werden dürfen oder nicht, so darf es auch unterschiedliche Worte und Ansichten zu Begriffen über die Anziehung zu nichtbinären Menschen geben. Wichtig ist nur, dass wir einander gegenüber Respekt zeigen und niemandem ein Wort aufdrängen, mit dem diese Person sich nicht wohl fühlt.

Du hast also vollkommen das Recht, dein eigenes Umfeld um eine Sprache zu bitten, die dich nicht verletzt, deinen eigenen Begriff in deinen Communities zu verbreiten und weiter mit Menschen darüber im Gespräch zu bleiben, was eine gute Alternative ist.

Das ist hoffentlich fürs erste eine Möglichkeit, und falls du dazu noch weitere Gedanken hast, können wir gerne weiter im Gespräch bleiben.

Liebe Grüße und alles Gute,

Balthazar

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