Kummerkastenantwort 280: Ich bin ein trans Junge – wie finde ich mehr Akzeptanz von anderen und mir selbst?

Hey,
Ich bin mir jetzt eigentlich ziemlich sicher, dass ich ein Transjunge bin. Ich meine, Verhhalten, Charakter, Aussehen… macht Geschlecht nicht wirklich aus, sondern nur, wie man sich im Inneren wohl fühlt. Und ich fühle mich wohl, wenn man “er” sagt, und, wenn ich mit “Leonard” angesprochen werde. Es macht mich stolz und ist gleichzeitig auch normal für mich.
Trotzdem habe ich aber manchmal zweifel: Was ist, wenn ich mir das einbilde? Warum ausgerechnet ICH? Ich bin ja gar nicht sooooo männlich (was eigentlich meiner Auffassung von Geschlecht wiederspricht…) und so weiter. Wisst ihr einen Rat gegen solche Zweifel, sie lassen mich nämlich immer wieder unruhig werden. Das stört mich total!
Außerdem würde ich mich gerne vor meiner Mutter outen, bei meinem Vater ging es eher nach hinten los, und ich weiß nicht, wie man das so macht, dass die Menschen einen verstehen (Bei meinen Freunden war es kein Problem)
Und: Meine Freunde nennen ich mich bei meinem alten Namen, obwohl ich ihnen gesagt habe, wie sehr es mich stört… Mir fällt es aber schwer, dass jedes mal zu verbessern, weil es mich immer wieder darauf aufmerksam macht, dass ich “trans” und nicht einfach “ein Junge” bin.
Und da gibt es noch was… Manchmal, wenn Leute von mir “erwarten”, dass ich weiblich bin, verhalte ich mich automatisch so. Ich will es gar nicht und das bin auch nicht ich, aber ich weiß nicht, was ich dagegen machen kann.
Und ich bin richtig klein. Mit allem anderen komm ich ganz gut klar (ich weiß eben, meine Bru… kann mal weg, tut mir leid, aber das Wort zu schreiben fällt mir schwer, meine Stimme wird tiefer usw.) aber damit nicht. Habt ihr da einen Tipp? Wie ich das besser “akzeptieren” kann.
Außerdem: Kann man wirklich sein Aussehen so änden, dass man aussieht, wie ein Mann? Also jeder. Ich hab manchmal, trotz Fakten, nämlich Panik, dass aus irgendeinem Grund das bei mir nicht geht.
Ich weiß, dass es kein wirkliches “männlich”- Klischee geben sollte, aber wenn ich manchmal so hoch rede oder “rumquitsche” wenn ich mit meinem Hund spiele, komm ich mir plötzlich total albern vor. Ich habe mich ziemlich verschlossen, weil es für mich immer schwerer ist, mich selbst “zu ertragen”. Wisst ihr, wie ich damit umgehen kann?
Das waren jetzt doch ziemlich viele Fragen, upsiiii
Liebe Grüße, Leo

Hallo Leo,

ich freue mich über deine vielen Fragen und hoffe, ich kann sie alle ein wenig beantworten.

Diese Selbstzweifel darüber, ob du wirklich ein trans Junge bist oder ob du dir das alles nur einbildest, haben viele queere Menschen – wir nennen das auch das “Queere Imposter-Syndrom” (und haben da mal eine Quickies-Folge dazu gemacht). Dafür gibt es leider keine einfache Lösung – aber ich glaube, es hilft schon sehr zu wissen, dass es nicht an dir liegt, sondern dass der Grund für solche Gefühle und Gedanken oft die Gesellschaft ist, die vielen queeren Menschen einredet, dass das alles nur eine “Phase” ist. In Wahrheit zeigt sich, dass queere Menschen immer die Expert*innen für die eigene Identität sind und am besten Bescheid wissen, wer und was sie sind. Und selbst für den verschwindend geringen Fall, wenn Menschen sich doch mal irren oder eben mit der Zeit feststellen, dass sie sich gerne anders beschreiben, kleiden, verhalten etc. möchten – auch das ist nicht schlimm und hat nichts damit zu tun, dass mensch vorher einen Fehler gemacht hat. Viele Menschen gehen durch viele Phasen in ihrem Leben – z.B. Musikgeschmack, Berufswünsche, Träume und Ziele, Frisuren, etc. – und nur bei den Themen Geschlecht und Sexualität tun wir so, als wäre es ganz furchtbar schlimm, sich selbst mit der Zeit besser kennenzulernen und/oder andere Begriffe zu benutzen, um sich zu beschreiben. Zusammenfassend gesagt: Die Gesellschaft streut gerne Zweifel in den Köpfen queerer Menschen; das ist nicht deine Schuld und geht vielen so. Aber du bist, wer du bist, und das ist auch gut so, und es spielt keine Rolle, ob sich das in Zukunft noch einmal ändert oder nicht.

Zum Thema Coming Out und Erwartungen: Es kann schwierig sein, sich vor dem Umfeld zu outen, vor allem, wenn das Umfeld nicht gut unterstützt und nicht sensibel mit dem Thema umgeht. Es tut mir sehr leid, dass dein Coming Out bei deinem Vater nicht gut lief und dass deine Freunde nicht deinen richtigen Namen benutzen. Es ist sehr verständlich, dass dich das zögern lässt, weitere Coming Outs zu haben und andere zu korrigieren. Oft wird trans Menschen das Gefühl gegeben, dass sie von ihrem Umfeld “zu viel” verlangen, aber das ist vollkommener Quatsch, und du hast jedes Recht, du selbst zu sein und respektvoll behandelt zu werden. Sich immer wieder neu outen und andere korrigieren zu müssen, kann schmerzhaft und sehr anstrengend sein, aber es kann sich auch lohnen – manche Leute brauchen einfach eine gewisse Zeit und klare und deutliche Worte, bis sie begreifen, dass ihr Verhalten andere verletzt, und lernen, es besser zu machen. Aber leider muss ich auch sagen: Manche Leute begreifen es auch einfach nie, und dann ist es dein volles Recht, von diesen Leuten Abstand zu nehmen und stattdessen nach Menschen Ausschau zu halten, die dich voll und ganz unterstützen und akzeptieren.

Bei Eltern ist dieses Thema oft noch schwieriger, weil die oft ein sehr genaues Bild davon haben, wie ihre Kinder sind oder sein sollen, und weil es nicht so einfach ist, zu ihnen Abstand zu halten, wenn sie kein Verständnis zeigen. Es gibt leider keinen einfachen Trick, wie ein Coming Out auf jeden Fall gut läuft – es kommt immer auch auf die andere Person und deren Reaktion an. Du kannst nur dafür sorgen, dass du gut vorbereitet bist, dass du weißt, was du sagen möchtest, und dass du dir einen Moment und eine Umgebung für dieses Gespräch aussuchst, mit denen du dich wohl fühlst. Und dann, egal, wie es läuft, weißt du, dass du alles gegeben hast, was dir möglich war – und die übrige Verantwortung liegt bei der anderen Person. Wenn es nicht gut laufen sollte, musst du dir auf keinen Fall die Schuld daran geben. Wer keine Akzeptanz hat, wird immer Möglichkeiten finden, dich falsch zu verstehen, und wer dich wirklich akzeptiert, sollte das tun, egal wie du dich ausdrückst und egal, was bei so einem Coming Out passiert.

Dass du dich manchmal den Erwartungen anderer Menschen anpasst und dich dann “weiblicher” verhältst, ist übrigens auch sehr verständlich. Oft müssen sich trans Menschen entscheiden zwischen authentisch/out sein und auf ihr eigenes Wohlbefinden und ihre Sicherheit zu achten. Es ist für viele ermüdend, immer misgendert zu werden, aber es ist genauso oder manchmal noch mehr ermüdend, frustrierend und unsicher, in jeder Situation und jedem Umfeld das eigene Transsein zum Thema zu machen, z.B. indem du Leute korrigierst, dich auf eine bestimmte Art und Weise verhältst, bestimmte Klamotten trägst etc. Dazu ist wichtig zu sagen: Du bist auf keinen Fall verpflichtet, Leute immer und überall zu korrigieren und damit darauf hinzuweisen, dass du trans bist – vor allem, wenn du weißt oder dir sicher bist, dass es negative Reaktionen hervorrufen wird. In solchen Situationen nicht zu reagieren und sich teilweise anzupassen, ist einfach eine Art Selbstschutz und macht dich nicht weniger trans oder männlich. Manche Situationen und Umfelder müssen einfach nur ausgehalten werden und das ist okay. Ich hoffe nur, du findest zum Ausgleich andere Räume und Zeiten, in denen du authentisch du selbst sein kannst, z.B. mit Menschen, die dich akzeptieren, oder auch einfach nur mit dir selbst. Es könnte dir dafür z.B. auch helfen, andere Freund*innen zu finden, die auch trans männlich sind – oder eben einfach einen Raum, in dem du dir sicher sein kannst, dass du als männlich gesehen und richtig angesprochen wirst, ohne dich die ganze Zeit erklären und rechtfertigen zu müssen.

Und zuletzt: Ja, es gibt auch für dich zahlreiche Möglichkeiten, männlich auszusehen. Wichtig ist dabei, dass du nicht aus den Augen verlierst, dass du immer noch du selbst bist und dass du nur deine Version von Männlichkeit verkörperst und nicht irgendeine andere Form erreichen musst. Alle Männer – egal ob cis oder trans – sind komplett unterschiedlich, haben ganz verschieden geformte Körper, unterschiedliche Mengen an Gesichts- und Körperbehaarung, unterschiedliche Gesichter, Körpergrößen, Stimmen, Meinungen, Interessen, etc. Oft sind trans Menschen ganz besonders kritisch mit sich selbst, weil sie nicht so aussehen oder sich verhalten, wie sie es von ihrem Idealbild erwarten – und sind dann immer wieder überrascht, wie selbstverständlich andere Menschen sie als das Geschlecht sehen, das sie tatsächlich sind. Ich bin mir ganz sicher, dass du mit der Zeit herausfinden wirst, wie Männlichkeit und Mannsein für dich aussehen.

Und jetzt wünsche ich dir erstmal alles Gute: Akzeptanz aus deinem Umfeld, von deiner Familie und auch dir selbst gegenüber; mehr Selbstsicherheit, für dich einzustehen, wo es geht, und Verständnis dafür, dass es eben nicht immer geht und gehen muss; eine positive Coming Out-Erfahrung mit deiner Mutter; und alles, was du gerade noch so gebrauchen kannst.

Viele liebe Grüße,
Balthazar

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