Kummerkastenantwort 273: Ich bin gleichzeitig binär und nicht-binär trans?

Hallo! Ich versuche schon seit fast einem Jahr herauszufinden, ob ich trans bin. Irgendwie möchte ich gleichzeitig ein binärer trans Mann und nichtbinär sein… Geht das überhaupt? Ich fühle mich mit beiden Labeln wohl, und wenn ich versuche, mich für eines zu entscheiden, bin ich irgendwie enttäuscht, weil ich dadurch das andere aufgebe. Außerdem habe ich ständig Selbstzweifel, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir das alles nur einrede und dass ich in Wirklichkeit cis bin. Ich bin schließlich schon fast 20, und wenn ich wirklich kein Mädchen bin, hätte ich das nicht viel früher merken müssen? Könnt ihr mir helfen?

Hallo du,

erstmal vorneweg: Es gibt kein richtiges Alter, um herauszufinden, dass du trans bist. Dass alle trans Menschen das schon ab ihrer Kindheit wissen, ist ein Mythos – viele finden es in ihrer Pubertät heraus, andere erst Jahre später, wenn sie Zugang zu den richtigen Begriffen und Communities bekommen, und manche merken es erst sehr spät im Leben. Du bist also keinesfalls “spät dran”, sowas gibt es dabei gar nicht.

Ich verstehe aber diese Selbstzweifel auch. Viele queere Menschen haben die, das nennt sich “Imposter Syndrome” und gibt uns oft den Eindruck, dass andere Leute viel mehr trans/queer/nonbinary sind als wir selbst, dass wir uns das vielleicht alles nur einreden, weil wir dazugehören wollen etc. Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein, aber das macht sie nicht wahr. Wer sich so viele Gedanken ums eigene Geschlecht macht, ist in den allerseltensten Fällen cis.

Und klar ist es möglich, gleichzeitig ein trans Mann und nichtbinär zu sein! Der Youtuber Aaron Ansuini z.B. identifiziert sich gleichzeitig als trans Mann und nichtbinär. Wenn bei dir beide Begriffe passen, dann gibt es keinen Grund, sie nicht beide zu verwenden. Labels sind dafür da, dir zu helfen, damit du dich besser erklären kannst, wenn du das Gefühl hast, dass beide Labels nützlich für dich sind, um dich besser zu beschreiben, dann darfst du sie selbstverständlich benutzen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 265 – Bin ich nonbinary oder ein trans Mann?

TW: Hier geht es unter anderem um Dysphorie und Perioden

Hi Kummerkasten team hier ist C. 19 Jahre alt und afab.

Ich bin mir nicht sicher wie ich meine Frage ganz formulieren soll also beschreibe ich einfach mein Problem. Ich habe mich vor ca. nem halben Jahr als non binary geoutet und benutzte seit dem männliche Pronomen.

Ich stelle mir nun schon länger die Frage ob ich vllt doch ein Mann bin. Ich benutzte z.B. einen Binder und fühle mich damit sehr wohl. Ich trage auch maskuline Kleidung, Boxershorts und versuche als typ wahrgenommen zu werden.

Ich freue mich wenn mich andere für einen Jungen halten. Und habe Disphoria im Bezug auf meine Hüfte, Brust und meine Stimme.

So weit so gut aber es gibt auch dinge die nicht ganz dazu passen
z.B. habe ich eher wenig bis keine Disphoria mit meiner Periode ich mochte sie zwar noch nie und wäre glücklicher wenn sie nicht mehr da wäre aber ich bin an sie gewöhnt. Auch mein Verhalten passt nicht immer ganz denn ich mag es vom Charakter her eher ein Softboi zu sein als der maskulinste im Raum.

Ich habe einen nichtbinären Bruder und einen guten Trangender (ftm) freund. Ich vergleiche mich oft mit ihnen und bin noch viel verwirrter. Oft passt das was mein Bruder sagt gut zu dem wie ich mich fühle aber auch andersrum wenn mein ftm freund beschreibt wie er sich fühlt kann ich das nachempfinden.

Es ist wirklich schwer zu erklären aber ich wäre gerne ein Junge, bin mir aber nicht sicher ob ich auch einer bin. Ich weiß das ich eine Mastek möchte und das ich Testo nehmen will (eher eine kleine Dosis) aber weiß nicht ob das so gut ist bevor ich mir nicht 100% sicher bin.

Ich finde ebenfalls meinen Namen gut (er ist Unisex) weiß aber nicht ob ich ihn ändern soll weil er sehr feminin klingt und mich das manchmal stört oder ob ich mir nur einen maskulineren zweitnamen zulegen soll.

Ihr seht ich habe viele Probleme und Bin sehr verwirrt ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen
Danke im voraus für die Antwort
Lg. C.

Hallo C,

es ist voll okay, dir nicht ganz sicher zu sein – manchmal verschwimmen die Grenzen, die wir zwischen den Geschlechtern gezogen haben, und es stellt sich heraus, dass wir vielleicht alle gar nicht so verschieden sind und dass Geschlecht nur ein Faktor von vielen ist, der uns ausmacht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die nichtbinäre Erfahrungen und die trans Mann Erfahrungen sehr viele Überschneidungen für viele Menschen haben. Es gibt viele Menschen, die nichtbinär sind und Zugriff auf OPs und Hormone brauchen, um sich wohl zu fühlen. Es gibt außerdem trans Männer, die z.B. vor einer OP zurückschrecken oder sich bewusst gegen eine entscheiden. Es gibt nicht die eine Art und Weise, trans oder nichtbinär zu sein, und alle wählen unterschiedliche Wege, haben unterschiedliche Empfindungen und gehen unterschiedlich damit um. Es ist z.B. auch nicht zwingend so, dass alle trans Männer Dysphorie wegen ihrer Periode haben, oder dass eine solche Dysphorie ein Zeichen dafür ist, dass eine Person ein trans Mann ist. Manche trans Männer haben recht wenig Dysphorie, manche nichtbinäre Menschen sehr viel. Manche nichtbinäre Menschen möchten gern super maskulin oder feminin sein, manche trans Männer möchten nicht dem männlichen Stereotyp entsprechen, sondern lieber selbst bestimmen, was es für sie bedeutet, ein Mann zu sein. Wenn wir so lange dafür gekämpft haben, dass Männer auch Kleider, Makeup und Nagellack tragen dürfen, auch Gefühle zeigen und einfühlsam sein dürfen, auch verletzlich sind – warum sollte das dann nur für cis Männer gelten und nicht erst recht für trans Männer?

Ob du nun nichtbinär oder ein trans Mann bist, das kann ich dir leider nicht beantworten, da musst du herausfinden, was sich am besten anfühlt. Vielleicht was dazwischen, wie z.B. “demiboy“? Oder vielleicht kann dir der Youtuber Aaron Ansuini helfen – er bezeichnet sich als beides, trans Mann UND nichtbinär, und sagt, dass seine Nichtbinarität etwas ist, was er zusätzlich zu seiner trans Männlichkeit in sich trägt. (Aaron ist sowieso ganz toll und macht super videos!)

Was solche Maßnahmen wie Mastek und Testo betrifft: Zum einen ist es vielleicht gut, wenn du dich über beides ausführlich informierst, bevor du da irgendwelche Schritte einleitest. Die Wirkungen von Testosteron sind größtenteils wieder rückgängig zu machen, wenn du damit aufhörst, aber bei einer Mastek ist das schon was anderes. Testosteron kann ganz verschiedene Auswirkungen haben und du solltest dir Gedanken darüber machen, ob du mit allen einverstanden bist. Ich traue dir allerdings zu, dass du dich gut informierst und auch schon informiert hast. Und dann frage dich: Hängt die Entscheidung, was für Maßnahmen du ergreifen willst, denn überhaupt davon ab, welches Label du für dein Geschlecht verwendest? Es klingt für mich so, als wäre die Entscheidung mit der Mastektomie und dem Testosteron für dich schon getroffen und du klingst sehr sicher darüber, obwohl du über dein Geschlecht unsicher bist. Die Maßnahmen, die du ergreifen willst, können für dich gut und richtig sein, egal wie du dich bezeichnest. Es ist aber gut, dass du deine Unsicherheit nicht einfach ignorierst, sondern zu Wort kommen lässt. Es ist gut, erst mehr Sicherheit für diese Entscheidungen zu gewinnen, bevor du diese Schritte machst.

Und zuletzt zu deinem Namen: Wie wäre es, wenn du dir z.B. einen Zweitnamen zulegst, der etwas maskuliner ist als dein jetziger, und eine Weile lang ausprobierst, ob der neue Name sich besser anfühlt als dein bisheriger? Dann hast du in Zukunft beide Optionen und kannst dir aussuchen, ob Leute dich lieber mit deinem bisherigen Namen oder mit deinem neuen Zweitnamen ansprechen sollen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig bei deinen Fragen helfen und ich wünsche dir alles Gute!

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 252 – Bin ich ein Junge oder will ich nur einer sein?

Hallo Queerkumerkasten-Team,

ich bin 15 Jahrealt und biologisch gesehen ein Mädchen aber ich denke zurzeit oft darüber nach ob ich vielleicht ein Junge bin.
Ich sehe äußerlich wegen meinen kurzen Haaren und meinem Klamottenstyle aus wie ein Junge. Also alle Personen die ich neu kennenlernen denken ich wär männlich und sprechen mich auch mit männlichen Pronomen und allem an. Was mich verwirrt:
Ich sah als Kind schonmal aus wie ein Junge(hatte früher kurze dann lange und jetzt wieder kurze Haare) und es hat mich damals immer gestört wenn andere dachten ich wäre ein Junge. Teilweise stört es mich heute immernoch. Vor paar Monaten hab ich erst angefangen mein Geschlecht zu hinterfragen. Aber wenn ich ein Junge bin würde es mich dann stören wenn fremde mich für einen Jungen halten?

Weshalb ich mir auch nicht sicher bin onöb ich Trans bin: Ich wäre gerne ein Junge aber das bedeutet ja nicht gleich das ich Trans bin weil Trans bedeutet ja das man sich so fühlt und ich bin mir nicht sicher ob ich mich wie ein Junge fühle oder nur gerne einer wär.
Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen
Lg J

Hallo J,

deine Frage ist schwer zu beantworten – niemand außer dir weiß, ob du ein Junge bist oder ob du trans bist, das kannst nur du wissen. Es ist auch sehr schwierig zu beschreiben, wie es sich denn anfühlt, ein Junge zu sein – ich glaube, das ist für alle anders, egal, ob sie cis Jungen sind (also auch bei der Geburt schon männlich zugewiesen) oder trans Jungen. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied für dich gibt, ob du “nur” gerne ein Junge wärst oder ob du einer bist. Es kann gut sein, dass das das gleiche ist.

Du sagst allerdings auch, dass du dich früher wie heute nicht immer ganz wohl fühlst, nur als Junge gesehen zu werden. Das könnte vielleicht daran liegen, dass du zwar trans bist, aber vielleicht nichtbinär? Das bedeutet dass du nicht ganz, nicht immer, oder nicht ausschließlich ein Junge oder ein Mädchen bist. Manche Menschen bezeichnen sich z.B. als “demiboy”, wenn sie zeigen möchten, dass sie sich zwar als Junge sehen oder so präsentieren, aber eben nicht immer 100% Junge sind, sondern nur manchmal oder nur teilweise. Es kann ja durchaus sein, dass das besser für dich passt.

Vielleicht hilft es dir am ehesten, dich einfach mal auszuprobieren: Du kannst z.B. Leute bitten, dich auf eine bestimmte Weise anzusprechen, mit einem bestimmten Namen oder Pronomen (z.B. “er”) und zu schauen, ob du dich damit wohl fühlst, und wenn nicht, was sich für dich besser anfühlen würde.

Ich wünsche dir ganz viel Erfolg bei deiner Suche und wünsche dir alles Gute!
Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 209 – Ich will kein Mann sein?!

TW: In dieser Frage geht es unter anderem um Sexismus, Mobbing, toxische Geschlechterrollen und Transfeindlichkeit.

Hallo,
Ich glaube um meine Situation zu erklären muss ich leider ein wenig ausholen. Sorry schon mal falls diese Nachricht etwas lang wird.
Ich bin 19 Jahre alt und (zumindest biologisch gesehen) ein Mädchen /eine Frau.
Was meine Sexualität und mein Geschlecht angeht bin ich jedoch schon von klein auf sehr verwirrt. Als Kind im Grundschulalter wollte ich immer unbedingt ein Junge sein. Ich habe mir gar nicht viele Gedanken darüber gemacht sonder einfach diesen Traum ausgeplaudert. Natürlich nahm das keiner ernst. Meine Mitschüler haben mich auch Jahre später noch damit geärgert und meine Eltern haben es einfach nicht weiter beachtet. Ich habe auch nicht weiter drüber nachgedacht weil ich von Transgender und so was allem natürlich noch nichts gehört hatte. Als ich älter wurde habe ich aufgrund von Mobbingerfahrungen und dem schwierigen Verhältnis zu meinem Vater “gelernt” dass Jungs/Männer Arschlöcher sind. Sorry für die Ausdrucksweise. Ich habe aufgehört ein Junge sein zu wollen und versucht mich mit der Rolle als Mädchen abzufinden. Ich fing mehr und mehr an das Männliche Geschlecht zu hassen und darauf meine Identität aufzubauen. Ich habe mich lange Zeit durch die bloße Tatsache ein Mädchen zu sein gedemütigt gefühlt. Ich hatte die Erfahrung gemacht dass in unserer Gesellschaft die Jungs/Männer mehr wert sind, bestimmen dürfen, mehr Rechte haben,… In dem Weltbild, dass ich mir aufgebaut hatte waren Frauen nichts wert. Irgendwann erkannte ich jedoch dass in Wahrheit die Frauen die besseren sind und die Männer der Feind der uns nur eintrichtern will wir wären wertlos und schwach. Ich könnte jetzt noch ewig über mein Bild von Männern und Frauen reden aber das würde euch wahrscheinlich alle nur wütend machen weil die meisten Menschen sagen das sei völlig falsch. Männer seien nicht gefühlskalt, herrisch, rechthaberisch, selbst erlebt,… Ich habe jedoch genau die Erfahrung gemacht.
Zurück zum wesentlichen. Ich habe also versucht mich mit meiner Frauenrolle zu identifizieren was mir durch den Hass auf Männer gelang und durch meinen Wunsch mich an der Männerwelt rächen zu können. Trotzdem habe ich mich besonders von meinem weiblichen Körper immer gedemütigt gefühlt und er fühlt sich einfach nicht nach meinem an.
Vor ein paar Monaten habe ich herausgefunden dass ich lesbisch bin. Zunächst dachte ich das würde all meine verwirrenden Gefühle erklären. Ich dachte wenn ich weiß nicht eines Tages mit einem Mann zusammen sein zu müssen entspannt das mein Verhältnis zu den Männern. Das hat jedoch nicht funktioniert. Im Gegenteil. Nachdem dieses Problem gelöst war drängte sich mir wieder die Frage nach meiner Identität auf. Nach langem Überlegen kam ich zu der Erkenntnis dass ich mich fühle wie ein Junge der ein Mädchen sein will. Diese Erkenntnis hat mich jedoch noch mehr verwirrt. Ich habe den Körper einer Frau, habe aber das Gefühl den eines Mannes zu haben bzw. hätte gerne den eines Mannes. Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich das Gesicht eines Jungen/Mannes. Aber ich will kein Mann sein. Von der Persönlichkeit will ich eine Frau bleiben. Ich will kein gefühlskalt Eisblock werden, der sich immer als der Überlegene und der Tollste fühlt. Ich will nicht andere Menschen erniedrigen nur weil sie ein anderes Geschlecht haben. Außerdem, wenn ich ein Mann werden würde wäre ich ja nicht mehr Homosexuell. Ich habe jedoch festgestellt dass ich Heterosexualität echt eklig finde. Ich finde es okay wenn Menschen Hetero sind und kann es auch akzeptieren aber ich kann zum Beispiel noch nicht einmal hinschauen wenn sich Mann und Frau in einem Film küssen. Bei Homopaaren ist das kein Problem. Das heißt als Mann müsste ich auf Männer stehen, doch das kann ich eben nicht weil ich auf Frauen stehe.
Wahrscheinlich kapiert kein Mensch was ich mit diesem wirren Gerede sagen will. Ich verstehe mich und meine Gefühle ja selbst nicht. Ich weiß nur dass ich meinen weiblichen Körper kaum noch ertragen kann, obwohl ich so vieles versucht habe mich mit ihm anzufreunden. Besonders meine Brust kann ich absolut nicht akzeptieren. Schon dafür, zugeben zu müssen dass ich eine habe, schäme ich mich sehr. BHs kaufen ist das Demütigendeste was es gibt und ich verzweifle langsam echt. Ich habe schon mehrmals versucht sie abzufinden, was aber jedes Mal zu starken Schmerzen, Atemnot und blauen Flecken geführt hat. Jetzt habe ich zwar eine neue Methode dafür gefunden, die wenigstens hält aber schmerzhaft ist es immer noch, besonders weil ich chronischen Husten habe der dadurch verstärkt wird.
Die Leute in meinem Umfeld meinen ich könne meinen Körper nur nicht akzeptieren weil ich nicht erwachsen werden will. Es stimmt zwar dass ich mich mit dem erwachsen werden schwer tue aber ich glaube nicht dass das der Grund dafür ist warum sich mein Körper nicht nach meinem Körper anfühlt.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich will doch einfach nur wissen wer oder was ich bin. Ich bin so verwirrt. Auf der einen Seite will ich nicht einfach nur eine Frau sein, weil sich das falsch anfühlt. Auf der anderen Seite will ich aber auf keinen Fall ein Mann sein. Mein Ekel vor Männern wird irgendwie immer größer. Wenn sich zum Beispiel einer in der Bahn neben mich setzt kann ich oft kaum noch atmen und bekomme regelrecht Angst. Wenn mich ein Mann/Junge berührt muss ich mich sofort desinfizieren. Ich schäme mich total dafür. Schließlich rege ich mich darüber auf dass die Männerwelt uns Frauen schlecht macht und erniedrigt und selbst bin ich so voll Hass und Ekel gegenüber Männern. Bitte denkt jetzt nicht schlecht über mich. Ich will so nicht fühlen oder denken. Ich weiß nur nicht wie ich es ändern kann.
Am liebsten wäre ich einfach Mann und Frau zugleich. Ich habe gelesen dass das zwar geht aber ich verstehe das alles nicht. Es ist zu verwirrend. Und wenn ein Teil von mir ein Mann wäre, wie sollte ich damit leben. Auf der anderen Seite kann ich ja aber auch nicht mit dem Frau sein leben. Ich habe versucht mir vorzustellen wie es wäre ein Mann zu sein und es hat sich sehr einsam angefühlt. Männer haben schließlich keine richtigen Freunde, reden nicht über Gefühle, müssen immer die starken Beschützer sein,… Ich kann so nicht leben. Und eine Partnerin würde ich dann erst recht nie finden. Ich könnte es niemals mit meinem Gewissen vereinbaren dass wegen mir eine Frau mit einem Mann zusammen lebt. Männern kann man einfach nicht vertrauen und ich will dass man mir vertrauen kann. Ich will aber auch dass ich mich jemandem anvertrauen kann und nicht den Rest meines Lebens ein starker Macho sein muss.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter.
Ich habe mit ein paar Leuten in meinem Umfeld darüber gesprochen und die meinten ich solle einfach aufhören darüber nachzudenken. Ich sei eine Frau und damit müsse ich mich abfinden und mein Geschlechterrollenbild sei eh viel zu verschoben um da zu einer Lösung zu kommen. Man könne eh nichts an dem ganzen ändern. Ich schaffe es aber einfach nicht mich damit abzufinden und einen Punkt an die Sache zu setzen. Wer bin ich? Und was kann ich tun um das herauszufinden?

Hallo du,

erst einmal tut es mir leid, dass dich als Kind mit deinem Geschlechtsausdruck niemand ernst genommen hat und dass du so viele schlechte Erfahrungen damit und mit Männern machen musstest.

Es stimmt, dass sehr viele Eigenschaften, die in der Gesellschaft als “männlich” gelten, nicht gerade menschlich, herzlich und freundlich sind. Von Männern wird erwartet, dass sie stark, durchsetzungsfähig und wenn nötig auch aggressiv sind, und das macht es vielen Männern nicht gerade leicht, gute Menschen zu sein. Und weil es diese ganzen Geschlechterrollen und Erwartungen an Männer gibt, schaffen es viele nicht, einen positiven sozialen Umgang mit ihren Mitmenschen zu entwickeln. Dazu kommt noch, dass Frauen in unserer Gesellschaft fast überall im Vergleich zu Männern abgewertet werden und viel Diskriminierung und Gewalt erfahren, oft von Männern.

Das heißt aber nicht, dass alle Männer so kalt, verletzend und freundelos sind, oder dass du so sein musst, wenn du feststellen solltest, dass du tatsächlich ein Mann bist. Es gibt unzählige Männer, die sich bemühen, besser zu sein als ihr Ruf, die enge Freundschaften pflegen und hilfsbereit, großzügig, weich und verständnisvoll sind. Nicht alle Männer sind genau gleich, so wie auch nicht alle Frauen exakt gleich sind. Es gibt überall gute und schlechte, und dann noch zahlreiche Abstufungen dazwischen.

Wenn du feststellen solltest, dass du ein Mann bist, dann bist du immer noch du selbst. Dein Charakter bleibt so, wie er ist, deine Art zu lieben bleibt so, wie sie ist, und du bist immer noch der gleiche Mensch wie immer. Und das ist vollkommen okay. Du bekommst die Chance, ein besserer Mann zu sein als die, mit denen du so schlechte Erfahrungen gemacht hast, und du alleine entscheidest, was für eine Art Mann und Mensch du bist.

Was deine Angst vor Männern und deinen Ekel betrifft, da kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Ich hoffe, du findest eine fähigere Person als mich, mit der du über diese Themen reden kannst – das würde sicher bei all diesen Themen auch helfen.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 195 – Darf ich mich trans nennen?

Hallo wertes Team,
Ich bin sehr verwirrt und brauche eure Hilfe.
Ich habe Dysphorie und versuche es auch zu unterbinden.
Aber mein Wunsch, ein Junge zu sein, ist nicht permanent.
Ich kann mich zum Teil als Mädchen verstehen und bin auch völlig okay damit aber dann stehe ich von Zeit zur Zeit vor dem Spiegel und habe das Gefühl nicht ich zu sein. Pronomen und Namen habe ich zwar im Internet geändert und ich freue mich auch wenn Menschen mich als “er” ansprechen aber das nunmal nicht immer.
Ich hab das Gefühl ich habe zwei Personen in mir.
Ich habe keine Ahnung ob ich mich als trans identifizieren kann und darf.
Es verzweifelt mich sehr.
Ich habe keine Ahnung wo ich stehe oder was ich jetzt machen soll.
Ein guter Rat wäre sehr hilfreich.
Danke!
Viele Grüße,
Basti

Hallo Basti,

nach unserem  Verständnis sind trans alle Leute, die nicht, nicht vollkommen oder nicht immer das Geschlecht haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Danach bist du auf jeden Fall trans! Sowieso finden wir es nicht richtig, irgendwelchen Leuten zu verbieten, irgendwelche Labels oder Begriffe für sich zu verwenden – alle Menschen wissen selbst am besten, welche Begriffe am besten zu ihnen passen und niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, welche Labels sie benutzen sollen.

Ansonsten klingt das, was du beschreibst, für mich ein wenig so, als könntest du genderfluid sein. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich ändern kann: bei manchen nur gelegentlich, bei anderen häufiger, bei manchen zwischen vielen verschiedenen Geschlechtern, bei anderen nur zwischen zwei. Du beschreibst, dass du dich nur manchmal, nur zum Teil, wohl damit fühlst, als Mädchen gesehen zu werden – dich aber eigentlich selbst meist als Junge verstehst. Eine sich (oft) ändernde Geschlechtsidentität ist nicht nur möglich, sondern auch vollkommen in Ordnung, es ist nichts falsch mit dir. <3

Ich finde, es ist ganz großartig, wie du auf dich und deine Gefühle achtest. Zu deiner Frage, was du jetzt machen sollst: Ich würde sagen, du bist auf einem guten Weg. Du kannst weiter beobachten, was dir gut tut und was dich dysphorisch macht, weiter mit Menschen (ganz egal ob off- oder online) darüber reden, wie du wann angesprochen werden willst und einfach ausprobieren, was sich richtig anfühlt. Manche Leute, die genderfluid sind, ändern ab und zu ihre Pronomen, damit sie zu ihrem aktuellen Geschlecht und Ausdruck passen – online geht das ganz einfach, z.B. mit einem Hinweis im Profil, einer Signatur, einem Statusupdate o.ä. Auch offline ist das möglich, z.B. durch Pronomenbuttons oder eine Tafel/ein Whiteboard/ähnliches an deiner Zimmertür (wenn du zu Hause geoutet bist oder es sein möchtest). Ob du deine Pronomen ab und zu ändern möchtest, bleibt aber vollkommen dir überlassen – wenn du dich einfach grundsätzlich mit “er” am wohlsten fühlst, dann kannst du natürlich auch immer so ansprechen lassen, egal, wie du dich kleidest, verhältst, etc. Und egal, welche Gedanken und Gefühle du grade zu deinem Geschlecht hast, du darfst dich jederzeit und immer so kleiden und verhalten wie du möchtest, und musst dich nicht irgendwelchen Regeln anpassen. Und noch ein kurzer Hinweis: Dysphorie ist keine Pflicht, um trans zu sein. Es gibt viele trans Menschen, die nicht, nicht immer oder nur wenig Dysphorie empfinden. Dein Geschlecht ist deins und dein Körper ist deiner, und nur du weißt, was richtig ist, sich gut anfühlt und für dich passt.

Ich wünsch dir alles Gute!
Balthazar