Kummerkastenantwort 288 – Ist mein Geschlecht nur eine Phase?

Guten Tag.

Hier ist mein erstes Problem (Jaa, Doppelpack. ^^”):
Ich fühle mich seit etwa einem Jahr ziemlich unwohl in meinem weiblichen Körper und würde am liebsten jedes Mal, wenn mich jemand mit “sie” betitelt (Was leider häufig vorkommt) sagen, dass diese Person das doch bitte lassen soll.
Allerdings ist es auch nicht so, dass ich mit mit einem Jungen identifiziere, auch wenn es aufgrund meiner Abneigung gegen meinen Körper, das weibliche Pronomen und auch meiner Erleichterung darüber, endlich kurze Haare zu haben und somit ein kleines bisschen weniger weiblich auszusehen, vielleicht oft anders scheint. Auch weite Kleidung anzuziehen und sich am liebsten mit “er” ansprechen zu lassen wirkt zwar, als würde ich mich als männlich identifizieren, doch eigentlich ist es einfach nur ein Kontrast zu meinem angeborenen Geschlecht und sollte zusammen mit diesem zeigen, dass ich den Mittelweg wählen möchte. Oder?
Was bin ich denn jetzt? Männlich, bi- oder agender?

Hier ist mein zweites Problem:
Meine Mutter sagt immer, das ist nur eine Phase in der Pubertät und dass viele Mädchen und Jungen sich eine Weile dem anderen oder garkeinem Geschlecht zugehörig fühlen und ich aufhören sollte, das so ernst zu nehmen und nunmal eine Sie sei. Eigentlich ist sie ja sehr tolerant gegenüber solchen Gefühlen und Gedanken und empfindet es halt als normal,
aber bei mir nimmt sie es überhaupt nicht ernst.
Was meinen Sie? Sollte ich dieses Gefühl wirklich ignorieren und mich mit meinem biologischen Geschlecht abfinden, bis ich mir in ein paar Jahren wirklich sicher bin oder jedenfalls momentan sagen, dass ich […] bin?

Mit freundlichen Grüßen,

Riku (Dreizehn Jahre)

Hallo Riku!

Danke für deine Fragen. Ich kann dich sehr gut verstehen, denn ich habe lange ähnliche Fragen gehabt wie du. Auch ich verwende gerne er-Pronomen für mich und trage gerne weite und teilweise maskuline Kleidung – und auch für mich bedeutet das nicht, dass ich männlich bin, sondern nur, dass ich den Kontrast betonen möchte zwischen dem Geschlecht, das andere in mir sehen und dem, wie es in mir drin aussieht. Männliche Kleidung und “er”-Pronomen sind für mich ein guter Weg, um auszudrücken, dass ich nicht weiblich bin – aber auch nicht männlich. Und es ist schön, dass du für dich auch diesen Weg gefunden hast, um deinen “Mittelweg” nach außen hin auszudrücken. Und du hast vollkommen recht: Diese Dinge bedeuten nicht automatisch, dass du männlich bist. Nur du kannst wissen, was dein Geschlecht ist, und das sitzt in dir drinnen und nicht in deiner Kleidung oder in den Wörtern, die du für dich bevorzugst.

Was du genau bist, das kann ich dir leider nicht sagen, das kannst nur du selbst herausfinden. Da du dein Geschlecht als “Mittelweg” zwischen männlich und weiblich beschreibst, trifft vielleicht das Wort androgyn ganz gut auf dich zu. Androgyn sind Menschen, die entweder selbst zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit stehen, oder die sich nach außen hin so präsentieren, also z.B. durch Sprache und Kleidung, so wie du. Vielleicht hilft dir auch das Wort nichtbinär weiter. Als nichtbinär bezeichnen sich Menschen, die nicht männlich oder weiblich sind, oder vielleicht Anteile von beidem haben, oder vielleicht nur teilweise männlich oder weiblich sind, oder etwas ganz anderes. Bigender und Agender sind beides Begriffe, die zu dem Überbegriff “nichtbinär” dazugehören. Ob einer dieser Begriffe zu dir passt und welcher am besten passt, findest du sicher mit der Zeit raus.

Auch die Sorge deiner Mutter kann ich sehen. Dass sie dich nicht ernst nimmt in diesen Dingen, ist aber nicht richtig. Viele Menschen fangen schon sehr jung an, ihr Geschlecht zu hinterfragen, und viele finden auch in deinem Alter heraus, dass sie trans oder nichtbinär sind. Du bist nie zu jung, um dich mit solchen Themen zu beschäftigen und Antworten auf deine Fragen zu suchen. Deine Mutter denkt, dass das vielleicht nur eine Phase ist – vielleicht stimmt das, viel wahrscheinlicher ist aber, dass du gerade etwas wichtiges über dich herausfindest, was dich für den Rest deines Lebens begleiten wird. So oder so verdienst du es, jetzt ernstgenommen zu werden und von deinem Umfeld (und auch von deiner Mutter) alle Unterstützung zu bekommen, die du jetzt brauchst. Wichtig ist, dass du dich jetzt wohl fühlst und so leben kannst, wie es für dich richtig ist – es sollte dabei keine Rolle spielen, ob sich das später nochmal irgendwann ändert oder nicht. Es zählt einzig und allein, was du jetzt gerade brauchst und fühlst.

Ich hoffe, du findest ein paar Antworten auf deine Fragen und ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass deine Mutter dich akzeptiert und unterstützt. Melde dich gerne wieder, wenn wir mehr für dich tun können.

Liebe Grüße,
Balthazar

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