Die geheimen Fallstricke der Transition – oder: Warum hat mir das eigentlich keins vorher gesagt?!



Nicht alle trans Personen wollen auch rechtlich und/oder medizinisch transitionieren1 – und das ist absolut okay. Wer sich aber dazu entschließt, beginnt meistens, sich umfänglich zu informieren. Das ist (lebens-)notwendig, weil trans Personen bis heute pathologisiert 2werden und unterschiedlichsten Hürden ausgesetzt sind, um eine Transition durchführen zu können. Dabei bekommen die meisten trans Personen aus ihrem (überwiegend cis dominierten) Umfeld oft keine Unterstützung beziehungsweise weiß das Umfeld genauso wenig über Transition Bescheid. Gleichzeitig werden viele rechtliche Vorgaben gemacht, die beachtet werden müssen, ebenso kann eine medizinisch-hormonelle Transition Nebenwirkungen haben, welche Ärzt_innen, die sich mit dem Thema nicht auskennen, oft nicht auf dem Schirm haben.

Über die Schwierigkeiten, medizinische Unterstützung zu bekommen oder den Vornamen und/oder den Personenstand ändern zu lassen, wurde und wird viel von anderen trans Personen geschrieben.
Darum soll es heute nicht gehen, dafür bitte bei Ellen, Julius oder Linus lesen. Auch bei uns bekommt ihr Informationen diesbezüglich.
Heute soll es dagegen etwas leichter zugehen, über unerwartete, amüsante oder einfach nur seltsame Erfahrungen im DaSein einer trans Person.

Ich bin an dem Punkt, an dem ich meine Vornamens- und Personenstandsänderung bereits hinter mir habe und seit einigen Monaten Testosteron nehme (niedrig dosiert, keine Blocker3).

Außerdem habe ich mir einen Packer (das ist ein Silikonpenis, der einen biologischen Penis imitieren soll) zugelegt und gelernt, mit einer Urinella im Stehen zu pinkeln.

Eines der „Dinge, die einem keine*r sagt“ und die ich deshalb an euch weitergeben will: Übt das! Am besten zu Hause, am besten in der Badewanne. Die Alternative ist, dass ihr entweder absolute Naturtalente seid (Glückwunsch!) oder eine streng riechende Überflutung anrichtet (und das ist wirklich, wirklich peinlich).

Nun stand ich mit meiner Urinella bewaffnet vor einem Pissoir in einer Bar, die ich öfter besuche. Wollte pinkeln. Guckte. Drehte mich um, ging und musste das andere Klo benutzen.


Dinge, die ich an dem Abend gelernt habe:


1. Die meisten Urinale hängen zu hoch, als das Menschen mit Vulva sie nutzen könnten.
2. Ein Bierkasten ist zu hoch, um daraus einen annehmbaren Tritt zu bauen.
3. Auch zehn Zentimeter hohe Absätze helfen nicht (aber machen die Sache mit dem Bierkasten zu einer sehr amüsanten Show für das Publikum).
4. Ein handelsüblicher Hocker für Kleinkinder ist DER SHIT, wenn ihr ein Urinal urinellatauglich machen wollt.

Daraufhin wurde ich neugierig. Ich konnte nicht das einzige sein, das durch die Gegend wuselt und an Urinalen und Urinellas zunächst scheitert. Ich habe also sowohl auf Twitter, als auch in meinem persönlichen Umfeld herumgefragt. Heraus kamen sehr viele amüsante Erfahrungen, die nicht nur Toiletten, sondern die gesamte Transition und Erfahrungswelt betreffen.


Ergebnis:

  1. Für die meisten trans Personen hat sich die Hoffnung, „das andere Klo“ wäre sauberer, sehr schnell in Luft aufgelöst.

  2. Cis Männer schließen keine Toilettentüren hinter sich ab.

  3. Es gibt unfassbar viele defekte Toiletten auf Männerklos.

  4. Cis Personen sind grundsätzlich irritiert, wenn sie Nagellack, Bart und/oder weitere „uneindeutige“ Geschlechtsexpression nicht einordnen können.

  5. Nach der Vornamens- und Personenstandsänderung kommt es von Firmen, Ämtern oder anderen Instituionen zu sehr kreativen Auslegungen von Anreden. Menschen werden plötzlich mit „Familie XY“, „Firma XY“ oder „Herr/Frau XY“ angeschrieben – unabhängig davon, ob der Personenstand binär oder zu „divers“ geändert wurde.
    Bonus bei nichtbinären Menschen: Vornamen ändern, aber Anrede belassen. (Ich muss wirklich sehr, sehr, sehr oft mit dem Kundenservice telefonieren, um das zu ändern.)

  6. Je deutlicher das eigene Körperbild wird, desto besser können gewünschte Veränderungen erkannt werden. Genauso fällt es leichter, sagen zu können, was jetzt „richtig“ ist. Es ist, als würde alles an den richtigen Platz rutschen.

  7. Nervige Fragen, ob 1 die Haare wirklich „so“ haben will, nehmen zu. Aber: Plötzlich zahlt eins (mit männlichem Passing) weniger für den Friseur.
    Nicht so cool: trans Frauen zahlen plötzlich deutlich mehr.

  8. Alle Kleidergrößen müssen neu überdacht werden. Einerseits, weil gegenderte Kleidung komplett unterschiedliche Maße anwendet, um die Buchstabensuppe (S, M, L, etc.) zu bestimmen, andererseits, weil sich bei hormoneller Transition der gesamte Körper nochmal verändert.

  9. Absatzschuhe sind aber einer bestimmten Schuhgröße kaum noch zu finden. Hier helfen Läden, die auf Drag Queens4 spezialisiert sind, die haben nämlich meistens das gleiche Problem.

  10. Gerade trans Frauen, die groß und schmal sind, passt High-Fashion besser als Fast-Fashion, weil diese für sehr große, sehr schmale Models zugeschnitten ist. (Inwieweit das im Alltag hilfreich ist, kann ich jedoch nicht beurteilen.)

  11. . „Hilfe, unter welchem Namen kennt mich die Person denn jetzt?!“ und verzögerte Reaktion auf alle eigenen Namen. Passiert vor allem zu Beginn der Transition, wenn unterschiedliche Menschen entweder den eigenen oder den Deadname5 kennen. Es kann aber auch passieren, wenn eine Person mehrere Namen parallel nutzt und dann auf alle leicht verzögert reagiert.

 

Wie war es bei euch?


Habt ihr während eurer Transition auch Erfahrungen gemacht, die lästig, albern, amüsant oder einfach unerwartet waren? Schreibt mir über fluff@queer-lexikon.de oder bei Twitter @wolkenfluff!

Falls Interesse besteht, würde ich die Sammlung dann in einen neuen Blogpost packen. Wir sind nicht alleine mit unseren Erfahrungen, die meisten anderen trans Menschen machen ähnliche!

Fußnoten

1Transition: Prozess, in dem eine trans Person soziale, körperliche und/oder juristische Änderungen vornimmt, um die eigene Geschlechtsidentität auszudrücken. Klick mich für mehr Informationen.

2Pathologisierung: Einen Vorgang/Zustand als Krankheit oder medizinische Störung definieren, bei der/dem eine Behandlung benötigt wird.

3Blocker: Als Hormonblocker oder kurz „Blocker“ werden Medikamente bezeichnet, welche die körpereigenen Geschlechtshormone unterdrücken (blockieren).

4Drag Queen: Eine Drag Queen performt (übertriebene) Weiblichkeit im Kontext einer Show, einer Performance o.ä. Drag Queens sind dabei oft cis Männer (aber nicht immer) und sollten nicht mit trans Frauen verwechselt werden.

5Deadname: Ein Deadname ist ein abgelegter, alter Vorname, der meist bei der Geburt gegeben wurde. Klick mich für mehr Information.

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