Kummerkastenantwort 2.557: Mein Coming Out bei meinen Eltern lief nicht so gut

Heyy,

Ich bin Melian und habe mich ca vor einer Woche bei meiner Mutter, über Brief, als Agender geoutet. Da habe ich gebeten, dass sie mich Melian nennen und er/ihn und gender neutrale Pronomen/Wörter (Bruder, Kind, etc.) benutzen.
Ich weiß nicht ob mein Vater auch davon weiß, beide benutzen aber immer noch meinen deadname und nennen mich Tochter/ Schwester, usw.
Meine Mutter meinte sie möchte nochmal mit mir und meinem Vater darüber reden, aber es ist noch nichts passiert und es macht mich wirklich fertig. Außerdem soll es auch ein großer “Schock” für sie sein.

Wie starte ich am besten das Gespräch und bringe meine Eltern dazu zu verstehen wie es mir geht, und dass ich gerne mit anderem Namen und Pronomen angesprochen werden möchte?
Und meine Geschwister (6, 14) wissen auch noch nichts davon. Wie sage ich denen das am besten?

Ich habe mir wirklich lange Gedanken darüber gemacht bevor ich es meiner Mutter geschrieben habe. Sie sagt sie sei “enttäuscht”, dass ich nichts früher gesagt habe und, dass das jetzt alles ja ziemlich plötzlich kommt. Es macht mich einfach so fertig und ich weiß nicht wie ich das jetzt alles handhaben soll.

Melian 🙂

Hallo Melian,

ich kann deinen Wunsch verstehen zu werden, nachvollziehen. Es ist nicht möglich, jemanden anderen zu 100% zu verstehen, aber man kann sich annähern, indem man viel kommuniziert. Man kann sich das so vorstellen: du lebst allein auf deiner Insel, auf einer anderen deine Mutter und auf jeder einzelnen jeder andere Mensch. Damit andere (so gut wie möglich) verstehen, wie es auf deiner Insel so ist, kannst du sie beschrieben.

Du kannst leider nicht andere Menschen dazu bringen, sich so oder so zu verhalten. Du kannst stattdessen darum bitten und Wünsche äußern – Menschen, die dich gerne haben, werden versuchen diesen nachzukommen.

Du hast bereits gebeten, den Namen Melian zu benutzen. Das ist wunderbar. Möglicherweise wäre es hilfreich, wenn du das weiterhin machst. Immer, wenn Fragen oder Skepsis aufkommen, kannst du sagen:

  • es fühlt sich für mich stimmiger an
  • es entspricht dem, wie ich mich fühle
  • ich fühle mich damit aktuell wohler
  • es bedeutet mir viel

Manchmal brauchen aber Menschen etwas Zeit, um die aktuelle Ansprache zu lernen. Ich kann mir vorstellen, dass deine Geduld hier gefragt ist. Nochmal korrigieren darfst du immer!

Gleichzeitig kannst du deine Eltern fragen, was brauchen sie, um deinen Wunsch nachzugehen. Wenn du die Kraft dazu hast, könntest du vielleicht deine Mutter fragen, was ihr daran schwerfällt. Du könntest deiner Mutter anbieten über die E-Mail Adresse elternberatung@trans-kinder-netz.de des Trakine e.V. Kontakt zu den Elternberater_innen aufzunehmen, sodass sie mit erwachsenen, qualifizierten Menschen darüber sprechen kann.

Wir haben auch Anwältinnen dazu interviewt, was Eltern dürfen und was sie dir nicht verbieten können. Vielleicht kann dir das weiterhelfen.

Ich vermute stark, dass deine Mutter nicht enttäuscht ist, dass du agender bist, sondern, dass sie möglicherweise es schade findet, dass du sie nicht in dein Prozess des inneren Coming outes miteinbezogen hast. Es ist hier womöglich hilfreich, sich davon abzugrenzen, was andere fühlen und erwarten. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, inwieweit er andere darin einbezieht. Vielleicht gab es keinen bestimmten Grund, weswegen du dich entschieden hast, deine Eltern vor Tatsachen zu stellen. Viele queers möchten oft selbst sicher sein, was sie empfinden, bevor sie es anderen sagen. Unsicherheit ist allerdings erlaubt und OK.

Angenommen, deine Eltern sind traurig darüber, du hast sie nicht ins Boot geholt, kann ich mir vorstellen zum Beispiel zu kommunizieren: “Es war keine Entscheidung gegen euch. Jetzt bin ich out und jetzt habt ihr auch die Möglichkeit mich zu unterstützen.” Fühlt sich das für dich stimmig an?

Gegenüber deinen Geschwistern kannst du beispielsweise äußern: Ich fühle mich aktuell wohler, Melian genannt zu werden. Wenn du über mich sprichst, benutze bitte nicht “er” oder “sie”, sondern …… Das würde mich freuen.

Du bist eine eigene Person, und du darfst deine eigenen Entscheidungen treffen. Die müssen deine Eltern nicht gut finden, die muss niemand gut finden.

Falls etwas unklar ist oder du weitergehende Fragen hast, kannst du dich gerne wieder melden!
Und vielleicht magst du ja auch mal im Regenbogenchat vorbeischauen und dich mit anderen queeren Jugendlichen austauschen!

PS: Unter dem Schlagwort Eltern oder Coming out findest du Fragen anderer queeren Jugendlichen und unsere Antworten. Vielleicht ist da auch noch was Hilfreiches dabei.

Liebe Grüße,

Elizy

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