Kummerkastenantwort 4.531: Soll ich mich in der Schule outen?

Hi,
Ich habe euch schon öfters geschrieben und wollte mich noch einmal bedanken. Ohne das queer Lexikon wäre ich verloren gewesen.
Ich habe mich vor ca. 2 Monaten bei meinen Eltern geoutet und es lief auch alles ganz gut, mein Vater ignoriert die Tatsache zwar, aber er hat gerade selber sehr viel seelischen Ballast.
Ich würde mich nun gerne auch in der Schule und bei meinen Freund*innen outen, weil ich es einfach nicht mehr aushalte, dass…
…im Bio Unterricht ständig von mänlich und weiblich geredet wird (ich bin nicht-binär)
…ein Mitschüler ständig dumme Kommentare zu queeren Themen abgibt und ich nichts dagegen sagen kann ohne mich “verdächtig” zu machen
…im Unterricht das Thema LGBTQIAP+ totgeschwiegen wird und wenn es doch Mal in den Schulbüchern vorhanden ist, die Lehrer*innen es auslassen weil sie ja nichts darüber wissen
…ich ständig von meinem Umfeld Tochter, Freundin, Schwester etc. genannt werde (teilweise auch von Leuten bei denen ich mich schon geoutet habe)

Allerdings bin ich mir auch sehr unsicher, weil…
…meine Mutter mir gesagt hat ich solle es nicht tun
…ich Angst davor habe mich die ganze Zeit erklären zu müssen oder nicht akzeptiert zu werden
…ich Angst habe meine Freund*innen zu verlieren (ich habe nicht sonderlich viele und mir fällt es generell schwer Freund*innen zu finden)
…ich eigentlich nicht in der Schule auffallen möchte

Was soll ich tun? Soll ich warten bis ich mit der Schule fertig bin (4 Jahre) oder mich outen? Habt ihr da vielleicht einen Tipp oder eine Idee?

Vielen vielen Dank

A

Hallo A,

ich möchte dem hier einen Satz voranstellen: Jedes Coming Out, das du hast, hast du für dich, wenn du es hast.

Was meine ich damit? Wenn Menschen im Bio-Unterricht beim Unterrichten “übersehen”, dass es nicht-binäre Menschen gibt, ist es nicht deine Aufgabe und erst recht nicht deine Aufgabe durch ein Coming Out dafür zu sorgen, dass Menschen das richtig machen. Dein Coming Out ist für dich. Genauso: wenn du ein Coming Out haben willst, kannst du das auch haben, wenn irgendwer oder deine Mutter der Ansicht sind, du solltest das nicht, weil du dein Coming Out für dich hast und für niemand sonst.

Die Abwägung, vor der du letztlich stehst, ist ziemlich tricky, weil da eine ziemlich große Unbekannte drin steht: du weißt nicht, wie Menschen reagieren. Du weißt nicht, ob es jetzt anstrengender ist, dass queere Themen totgeschwiegen werden, oder ob es anstrengender sein wird, immer “das Beispiel” zu sein. Du weißt nicht, ob es anstrengender ist, dich die ganze zu verstecken oder weil die Welt manchmal ein Saftladen ist, irgendwie am Ende dadurch gemobbt zu werden. Das sind Dinge, die man vorher nicht wissen kann, ich nicht, du auch nicht.

Jedoch: Mit einem Coming Out, hast du immer die Chance, dass Dinge besser werden. Besser für dich. Und wenn du unzufrieden damit bist, wie Dinge gerade aussehen, weil du eben nicht out bist, gerade dann lohnt es sich, über ein Coming Out nachzudenken.

Liebe Grüße
Xenia

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