Kummerkasten Antwort 176 – bin ich lesbisch statt bi?

Hey,
Ich (22) bin total verwirrt, was meine Sexualität betrifft.
Ich hatte bis jetzt vier feste Freunde und auch dazwischen ein paar ONS mit Männern aber, noch nie einen Orgasmus.
Vor kurzem ist mir aufgefallen dass, die Berührungen mir zwar gefallen haben aber, die Männern an sich, haben mich nicht erregt.
Seit 2017 weiß ich dass, ich bisexuell bin und hatte bis jetzt nur positive Erfahrungen mit Frauen.
Klar, ab und zu denke ich beim masturbieren auch an Männern, trotzdem macht der Gedanke es mit einer Frau zutun mehr an als das mit Männern.
Kann es sein dass, ich lesbisch bin ohne es gewusst zu haben all die Jahre ?

Ich würde mich wahnsinnig über eine Antwort freuen und vielen Dank !

Hallo du,

wir sagen das hier immer wieder: Wir können dir leider nicht einfach sagen, was deine Sexualität ist. Hier sind aber meine Gedanken zu deiner Situation:

Zum einen kann es durchaus sein, dass du lesbisch bist und es erst jetzt bemerkst. Es gibt einen enormen gesellschaftlichen Druck auf Frauen, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlen sollen – das wird oft als “compulsory heterosexuality” bezeichnet, also ‘zwanghafte’ oder ‘verpflichtende’ Heterosexualität. Daher kommt es, dass viele lesbische Frauen vor ihrem inneren Coming Out Beziehungen mit Männern hatten oder ihre Gefühle gegenüber Frauen nicht erkennen. Vielleicht ist das auch für dich der Fall.

Vielleicht bist du aber auch einfach weiterhin bi und musst nur deine eigene Definition dafür etwas anpassen. Bi sein bedeutet ja nicht, dass du genau die gleiche  (Art von) Anziehung gegenüber Männern und Frauen (oder Menschen anderer Geschlechter) empfinden musst. Vielleicht empfindest du ja gegenüber Männern vllt. keine sexuelle Anziehung, sondern nur romantische? Es könnte z.B. möglich sein, dass du lesbisch bist, was sexuelle Anziehung betrifft, und biromantisch.

Welches Label für dich am besten passt, kannst nur du entscheiden. Labels sollen Hilfsmittel sein, die dir helfen, dich bestmöglich zu beschreiben – keine zwei Menschen auf der Welt empfinden ihre Sexualität komplett gleich, d.h. es ist immer auch in Ordnung, ein Label zu verwenden, das nur zu 97% passt oder das andere Leute vllt. etwas anders definieren.

Alles Gute und viel Erfolg bei der Label-Findung!

Balthazar

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Bisexual Health Awareness Month

Der Bisexual Health Awareness Month, also der Monat, in dem auf bi+sexuelle Gesundheit aufmerksam gemacht werden soll, wird jährlich im März begangen. Der BHAM wurde vom Bisexual Resource Center gestartet und soll Aufmerksamkeit darauf lenken, dass bi+sexuelle Menschen ein erheblich höheres Risiko für schlechte physische und psychische Gesundheit haben als schwule, lesbische oder hetero Menschen, sowie mehr Diskriminierung im medizinischen und psychologischen Sektor erfahren. Jedes Jahr finden online und offline verschiedene Aktionen statt, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen. 

Bisexualität

Bisexualität, bisexuell: Eine bisexuelle Person fühlt sich romantisch und/oder sexuell zu Menschen zweier oder mehrerer Geschlechter hingezogen oder erleben sexuelle Anziehung zu Menschen unabhängig von deren Geschlecht. Allerdings sind Definitionen von Bisexualität sehr verschieden und umstritten.

Bicurious

bicurious (von engl. curious – neugierig): Eine Person, die bicurious ist, ist neugierig darauf, Beziehungen und Sex mit Menschen mehrerer Geschlechter auszuprobieren, beschreibt sich aber nicht als bisexuell.

Bifeindlichkeit

Bifeindlichkeit: Bifeindlichkeit bezeichnet die Diskriminierung gegen bisexuelle Menschen. Dies äußert sich z.B. durch Ablehnung, Wut, Intoleranz, Vorurteile,  Unbehagen oder körperliche bzw. psychische Gewalt gegenüber bisexuellen Menschen oder Menschen, die als bisexuell wahrgenommen werden. Als internalisierte Bifeindlichkeit wird Feindlichkeit bezeichnet, die gegen die eigene bisexuelle Orientierung und damit gegen sich selbst gerichtet ist. Dies passiert oft in einer homofeindlichen und bifeindlichen Umgebung und/oder vor dem eigenen inneren Coming out. Auch die queere Szene ist teilweise ein bifeindlicher Ort.