Kummerkasten Antwort 218 – Meine Haare lösen Dysphorie aus

Hallo.

Und zwar gibt es etwas was mich ein wenig stutzig macht.
Ich bin trans und nicht geoutet.
Meine Haare bringen mir gelegentlich Dysphorie und ich bin mir unschlüssig, was ich jetzt machen soll.
Meine Haare sind bis zur Schulter lang und ich frage mich wie ich sie männlicher wirken lassen kann da ich denke dass kurze Haare mir mit meinem runden Gesicht nicht stehen werden.
Gibt es da Tricks die ich anwenden könnte?
Besten Dank!
Zedrik

Hallo Zedrik!

Ich persönlich finde nicht, dass es irgendwelche Gesichtsformen gibt, zu denen kurze oder lange Haare passen oder nicht passen – das ist ja alles nur irgendwelche Mode, wo mal irgendwer beschlossen hat, was gerade “in” ist und was nicht. Ich kann aber auch verstehen, wenn du deine Haare nicht abschneiden willst – das ist schließlich ein großer Schritt. Es ist vollkommen okay, deine Haare so zu tragen, wie du dich am wohlsten fühlst.

Lange Haare sind ja nicht an sich unmännlich, und es gibt viele Männer, trans und cis, die ihre langen Haare mit Stolz tragen. Wie genau lange Haare “männlicher” wirken ist schwierig zu sagen, weil der gleiche Haarstil bei unterschiedlichen Menschen ganz anders aussehen kann. Du kannst ja einfach mal die Augen offen halten, ob du – in der Öffentlichkeit oder auf Fotos – ein paar Männer mit langen Haaren findest, deren Looks dir gefallen. Ich persönlich folge gerne Leuten auf Instagram, deren Looks ich inspirierend finde. Allgemein kann ich nur sagen: Männer tragen ihre langen Haare oft “unordentlicher” als Frauen, also mit weniger definiertem Scheitel oder ganz ohne Scheitel, und wenn sie ihre Haare zusammenbinden, dann meistens in einem eher unordentlichen “Knoten” statt in einem ordentlichen Dutt oder Zopf. Außerdem sieht eine große Stirn oft “männlicher” aus, also hilft es auch, die Haare aus dem Gesicht zu halten und z.B. hinter die Ohren zu schieben.

Das alles sind eben normative Vorstellungen von Männlichkeit, und es bleibt vollkommen dir überlassen, was du daraus machst. Tu einfach, womit du dich wohl fühlst, das ist genau richtig so.

Alles Gute für dich!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 207 – Bin ich agender, wenn ich Geschlechterrollen ablehne?

Liebes Kummerkasten-Team
Ich bin vor einigen Tagen auf den Begriff “a-gender” gestoßen und finde ihn etwas verwirrend. Ich bin zeugungsfähig und hatte mich deshalb immer als Mann im Sinne des sex identifiziert, habe mich aber nie mit der sozialen Rolle, die mir aufgedrängt wird, anfreunden können.

Auf Englisch sprachigen Seiten wurde der Begriff “a-gender” mit “kein gender haben” übersetzt. Ich werde von meiner Umwelt jedoch meist als Mann gelesen und es werden daher auch gewisse Erwartungen und Normen an mich gerichtet. Bin ich, wenn ich diese ablehne a-gender?
Wenn gender sozial konstruiert ist (und sozial bedeutet, dass es trans-subjektiv ist) kann ich einfach behaupten kein gender zu haben, nur weil ich das gender nicht erfülle, das mir zugedacht wird?
Ich hoffe ihr könnt mir zu einer besseren Einsicht verhelfen.
Liebe Grüße
(A)

Hallo (A),

deine Frage ist sehr komplex und ich hoffe, dass ich sie gut beantworten kann. Du hast auf jeden Fall Recht damit, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Soziale Konstruktion ist aber kompliziert, sie passiert nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in jeder einzelnen Person, und damit auch in dir. Dein persönliches Geschlecht ist dir nicht angeboren, sondern etwas, was im ständigen Wechsel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und deinem Aussehen, deinem Tun, deiner Geschlechterpräsentation etc. entsteht.

Das bedeutet aber nicht, dass Geschlecht komplett zufällig, willkürlich oder frei wählbar ist. Und nur die Aussage (bzw. “Behauptung”) “Ich bin agender” macht eine Person noch nicht agender.

Was eine Person agender macht, ist allerdings genauso schwer zu beantworten wie die Frage, was eine Person zu einem Mann macht. Das einzige, was ich fragen kann, ist: Wie fühlst du dich denn? Wenn du in dich hineinhörst und nach den Dingen suchst, die dich zu dem Menschen machen, der du bist – verbindest du von diesen Dingen irgendwas mit Männlichkeit? Wichtig ist nämlich nicht, welches Geschlecht dir andere Menschen zuschreiben, das hat nichts mit deiner Identität zu tun. (Eine trans Frau, die noch ungeoutet ist und nach außen hin für die meisten Leute “wie ein Mann” aussieht, ist ja trotzdem noch eine trans Frau.)

Agender sein ist auch kein Zustand, der einfach eintritt, wenn eine Person Geschlechterrollen ablehnt. Es gibt sehr viele Menschen, die Rollen und Erwartungen ablehnen und sich trotzdem mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie zugewiesen wurden/werden. Das bedeutet: Du “darfst” dich auch dann als Mann identifizieren, wenn du mit vielen Dingen nicht einverstanden bist, die die Gesellschaft von Männern erwartet, und wenn du aktiv gegen diese Rollenbilder angehst. Männer können Makeup tragen, sich die Nägel lackieren, weinen, nicht an Sport interessiert sein, keine Lust auf Machogerede haben und trotzdem noch Männer sein – ganz egal, wie die Gesellschaft das findet.

ABER. Wenn du in dich reingehorcht hast und dabei feststellst, dass du dich nicht mit Männlichkeit identifizieren kannst, dass du kein Mann bist und auch keiner sein möchtest, und wenn du kein Geschlecht in dir findest – dann kann es durchaus sein, dass du agender bist. Letztlich ist einfach nur wichtig, mit welchem Begriff du dich identifizieren kannst und willst, mit welchem Begriff du dich am wohlsten fühlst und was dich am besten beschreibt.

In der Hoffnung, dass dich das jetzt nicht noch mehr verwirrt, wäre hier auch noch ein anderes mögliches Label für dich: Genderqueer. Genderqueer ist ein Begriff für alle Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von Geschlecht passen. Vielleicht ist dir ja mit diesem Begriff vorerst geholfen?

Viele liebe Grüße und alles Gute,
Balthazar

Trans Mann

Trans Mann / FTM: Der Begriff “trans Mann” bezeichnet eine trans Identität, bei der sich eine Person, die bei der Geburt nicht als männlich zugewiesen wurde, als männlich identifiziert. Die Abkürzung FTM steht für ‚female to male‘, also ‚weiblich zu männlich‘ dieser Begriff wird aber von der trans Community oft abgelehnt; der Begriff trans Mann verdeutlicht besser, dass es sich bei diesen Menschen um Männer handelt.

Genderqueer

Genderqueer: Genderqueer ist ein Überbegriff für Menschen, die nicht in die Norm der Geschlechterbinarität passen. Es kann aber auch eine Geschlechtsidentität für Menschen sein, die sich sowohl als Frau und Mann (gleichzeitig oder abwechselnd) oder weder als Frau noch als Mann identifizieren. Es gibt also keine absolute Abgrenzung zum Begriff ‚genderfluid‘ oder zum Begriff ‘nichtbinär‘.

Transmaskulinität

Transmännlichkeit, Transmaskulinität: bezeichnet Menschen, die bei ihrer Geburt nicht dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden, die sich aber als männlich oder teilweise männlich identifizieren.

MTM

MTM: Die Abkürzung MTM steht für ‚male to male‘, also ‚männlich zu männlich‘ und wird unter anderem von trans Männern verwendet, die die Annahme ablehnen, dass sie jemals weiblich waren.

Männlicher Körper

Männlicher Körper: Unter einem ‚männlichen Körper‘ wird normalerweise ein Körper mit Penis, Hoden und weitere Charakteristiken verstanden. Eine inklusivere Variante wäre, männliche Körper als die Körper von Männern (egal ob trans, inter oder cis) zu verstehen. Außerdem ist es wichtig zu bedenken, dass z.B. nicht alle Menschen mit  Hoden Männer sind, und dass nicht alle Männer Hoden haben. Deshalb ist es nicht sinnvoll, Penisse, Hoden, Prostata etc. als ‘männliche Geschlechtsmerkmale’ zu beschreiben.