Kummerkastenantwort 391 – Ist lesbisch das richtige Label für mich?

Hallo,

ich bin dreizehn, weiblich und beschäftige mich seit fast einem Jahr mit meiner Sexualität, eigentlich ziemlich zufällig. Davor war ich eher so etwas wie straight ally, aber im Moment würde ich mich als lesbisch labeln.


Allerdings bin ich mir nicht komplett sicher, denn in der Grundschule hatte ich eine Art Crush auf einen Jungen. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob man das als Verliebtheit bezeichnen kann, denn wie gesagt, es war in der Grundschule. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass das damit zusammenhängt, dass in unserer Gesellschaft fast keine queeren Vorbilder vorhanden sind.


Ich glaube weder, dass ich bisexuell bin, noch pan oder polysexuell etc., weil ich mir das irgendwie so gar nicht vorstellen kann. Auch fühle ich mich generell eher zu Frauen hingezogen und bin schon länger in eine gute Freundin verliebt.


Geoutet habe ich mich bei meiner besten Freundin ohne wirkliches Label, aber ich habe ihr eben von meinen Gedanken und Gefühlen erzählt. Sie hat es sehr positiv aufgenommen, allerdings ist es etwas kompliziert, da ich eigentlich gerne über dieses Thema mit ihr reden würde, aber immer, wenn wir darauf zu sprechen kommen, verhalte ich mich mehr oder weniger ungeschickt, sodass es dann schnell zum Themawechsel kommt.


Bei anderen Personen habe ich mich noch nicht geoutet, auch, weil ich mir wie gesagt noch nicht ganz sicher bin.


Natürlich ist mir bewusst, dass ich früher oder später sicherlich herausfinden werde, was ich bin oder wen ich liebe, und auch, dass man nicht unbedingt ein Label haben muss, aber ehrlich gesagt, wäre gerade das jetzt angenehm.


Eigentlich setzte ich mich Tag und Nacht mit dem Thema auseinander und vielleicht wäre es besser, das nicht durchgehend zu tun, aber das ist schlicht unmöglich.


Es hat auf jeden Fall gut getan, das hier zu schreiben und ich danke euch für eure wunderbare Arbeit hier!


Eure Unbekannte

Hallo liebe Unbekannte,

zunächst mal vielen Dank für dein Lob! Das freut mich sehr, dass es dir bereits gut getan hat uns zu schreiben. Ich hoffe, dass dir diese Antwort ein bisschen helfen wird.

Dass du dich so viel damit auseinandersetzt, kann ich verstehen. Es ist ja auch wirklich sehr spannend, mehr über queere Community, Labels, usw. herauszufinden und außerdem vor allem auch, sich selbst besser kennenzulernen! Letztlich musst du wissen was zu viel ist – und früher oder später wirst du bestimmt genug Sicherheit in diesen Themen bekommen, um wieder mehr Kopf für andere Sachen zu haben.

In deiner Nachricht sprichst du ja auf der einen Seite an, dass du ein Problem hast, das richtige Label für dich zu finden. Auf der anderen Seite beschreibst du, dass du Probleme damit hast, mit deiner besten Freundin zu reden und dass du dich sonst noch nicht geoutet hast – und du schreibst, dass das wiederum daran liegt, dass du dir noch nicht sicher bist als was.

Es klingt also so, als sei dein Hauptproblem deine Unsicherheit. Die ist verständlich, es ist ja auch oft sehr schwierig, sich eindeutig auf etwas festzulegen.

Aber eigentlich klingt es ja auch so, als wärst du dir relativ sicher, welche Labels du nicht haben willst (bi, pan, polysexuell), und das ist doch schon mal ein guter Ansatzpunkt.

Und mehr als das: du bezeichnest dich als lesbisch, und das scheint doch gut zu passen – du schreibst, dass du dich zu Frauen hingezogen fühlst und in eine Freundin verliebt bist. Dass du früher einen Crush auf einen Jungen hattest, sollte wirklich keinen Einfluss darauf haben, ob du dich als lesbisch bezeichnen kannst. Mansche Lesben finden erst viel später erst heraus, dass sie lesbisch sind, und hatten davor sogar Beziehungen mit Jungs! Und manche Lesben finden auch manche Jungs trotzdem attraktiv – das muss nichts heißen. Es gibt dafür, von wem du dich angezogen fühlst, keine Regeln, denen du genau folgen musst.

Und du schreibst ja auch sehr reflektiert, dass es eben in unserer Gesellschaft schwierig ist, nicht davon auszugehen, hetero zu sein. Du hast recht, es gibt zu wenige queere Vorbilder.

Über einige von diesen Sachen habe ich vor kurzem in meinem Blogartikel zum Queeren Imposter Syndrom geschrieben – vielleicht magst du da auch noch mal reinschauen? Da geht es darum, dass queere Leute sich oft selbst hinterfragen, wenn sie nicht genau mit dem übereinstimmen, was ihre Idee von z.B. einem bestimmten Label ist.

Du schreibst, dass du gerade ein Label willst. Wenn sich lesbisch also für dich richtig anfühlt, dann steht dem doch nichts im Wege, oder? Das Label hat auch den Vorteil, dass sich die meisten Leute direkt darunter was vorstellen können und es relativ gut bekannt ist. Das kann leider auch ein Nachteil sein, aber das kommt vermutlich hauptsächlich darauf an, wie du damit umgehst und wie dein Umfeld reagiert. Und wenn du irgendwann merkst, dass du doch ein anderes willst, kannst du den Leuten, vor denen du dich geoutet hast, ja auch von deinem neuen Label erzählen.

Vielleicht hilft dir das alles ja bei deinem weiteren Coming Out? Labels sind in erster Linie eine Hilfe für dich und dein Umfeld, und es muss nicht immer alles 100% passen, damit du eins verwenden kannst. Vielleicht hilft es dir, wenn du ein bisschen mehr Selbstbewusstsein in Bezug auf dein Label hast, wenn du das nächste Mal mit deiner besten Freundin redest? Du kannst ihr ja von deinen Überlegungen erzählen, und vielleicht könnt ihr gemeinsam mehr über das Label lesbisch herausfinden. Wenn sie bisher sehr positiv reagiert hat, könnte es vielleicht eine gute Idee sein, mit ihr zusammen weiter darüber nachzudenken und z.B. Infos zu suchen, damit du nicht mehr allein damit bist.

Ansonsten kann ich dir nur alles Gute bei deinem weiteren Coming Out und bei der weiteren Suche danach, wie du dich nun wirklich bezeichnen willst, wünschen! Schreib doch gerne mal ein Update, wie es dir damit so geht!

Liebe Grüße,

Funny

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