Queeres Imposter-Syndrom – Bin ich queer genug?

CN: Queerfeindlichkeit, verbale und körperliche Gewalt, Übergriffigkeit, Mobbing (das alles wird allerdings nur oberflächlich diskutiert)

„Bin ich überhaupt nichtbinär, wenn ich keine Dysphorie habe?“

„Ich bin doch eigentlich gar keine richtige Lesbe, dafür bin ich viel zu feminin.“

„Darf ich mich bi nennen, wenn ich noch nie eine Beziehung/Sex mit einer Frau/einem Mann hatte?“

„Bin ich denn überhaupt trans/ace/schwul/etc. genug?“

„Ich hab Angst, dass mich gar niemand ernst nimmt, wenn ich mich oute.“

Erkennst du dich auch in einer oder mehreren dieser Aussagen wieder? Hast du so was vielleicht schon mal gedacht oder gehört?

Das ist tatsächlich alles andere als unüblich. Fragen darüber, ob eins denn nun queer genug sei oder sich mit einem bestimmten Label bezeichnen dürfe, landen so häufig in unserem Kummerkasten, dass wir dazu in unseren neuen FAQs einen Unterpunkt angelegt haben. Annika hatte vor ein paar Monaten schon die Idee, dieses Phänomen queeres Imposter Syndrom zu nennen, und hat damals eine Quickies-Folge dazu gemacht.

Jetzt dachten wir uns: Warum nicht der Sache ein bisschen mehr auf den Grund gehen? Das queere Imposter-Syndrom ist nämlich sehr interessant und weit verbreitet, aber es wurde bisher noch nicht besonders viel darüber geschrieben.

Was ist eigentlich dieses Imposter-Syndrom?

Der Begriff geht auf einen Artikel von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes aus dem Jahr 1978 zurück, in dem sie sich mit erfolgreichen Frauen und ihrem Selbstwertgefühl beschäftigten. Das Imposter-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, ist ein psychologisches Phänomen. Es führt dazu, dass eine Person ihre eigenen Erfolge nicht anerkennen kann, auch wenn sie eindeutig dafür gearbeitet hat und eigentlich stolz darauf sein dürfte. Die Person hat also das Gefühl, eigentlich kein Recht auf die Anerkennung zu haben, die sie bekommt (sei es Geld, eine gute Stelle, wissenschaftliche Anerkennung, öffentliche Bekanntheit, etc.), selbst dann, wenn sie hart für diese Erfolge gearbeitet hat.

Das Imposter-Syndrom erleben häufig von Frauen und vor allem BIPoC und anderen marginalisierten Gruppen, gerade z.B. in den Wissenschaften. Das liegt an den männlich geprägten Strukturen, in denen Frauen und von Marginalisierung betroffene Personen von früh auf lernen, dass sie angeblich weniger kompetent sind als (weiße) Männer – und das führt dann dazu, dass gerade diese Personen sich anzweifeln, wenn sie Erfolg haben. Es kann allerdings potenziell alle Menschen betreffen.

Und queeres Imposter-Syndrom?

Wir verwenden diesen Begriff dafür, wenn eins das Gefühl hat, einfach nicht queer genug zu sein. Das kann sich dann z.B. so äußern:

  • Die Befürchtung, nicht Teil einer bestimmten Gruppe innerhalb der queeren Community, oder sogar der queeren Community selbst sein zu dürfen.
  • Das Gefühl, sich ein Label fälschlicherweise anzueignen, wenn eins dafür nicht „genug“ den Bildern entspricht, die gesellschaftlich über dieses Label vermittelt werden.
  • Das Gefühl, nicht „genug“ negative Reaktionen für das eigene Queersein durchgemacht zu haben, z.B. beschimpft oder angegriffen worden zu sein .
  • Hinterfragen, ob eins sich alles nur einbildet oder ob es vielleicht doch nur eine Phase ist.
  • Der Eindruck, dass eins sich auf eine bestimmte Art kleiden oder verhalten muss, um wirklich zu einer bestimmten Gruppe dazuzugehören.
  • Angst zu haben, beim Coming Out (auch bei anderen queeren Personen) auf Unglauben, Runterspielen oder Spott zu stoßen.

Vermutlich kennt jede queere Person mindestens einen oder mehr von diesen Punkten von sich selbst. Aber woher kommt denn das eigentlich? Und was können wir dagegen tun?

Die Gesellschaft

Der große Übeltäter ist natürlich, wie so häufig, die cis-/hetero-/allo-normative Gesellschaft. Wer in einer Gesellschaft aufwächst, in der es als selbstverständlich angesehen wird, cis, hetero und allo zu sein, wird diese Realitäten wahrscheinlich nicht hinterfragen. Und wenn eins dann doch überlegt, ob es vielleicht sein kann, dass eins queer ist, sitzt die internalisierte Queerfeindlichkeit und die Vorstellung davon, was gut und normal ist, so tief, dass die meisten Personen sich lange hinterfragen, bevor sie sich outen. Zweifel an sich selbst wird von queeren Personen, die in dieser Gesellschaft aufwachsen, früh erlernt.

Dazu gehört auch die Verinnerlichung davon, dass queer sein mit Gewalt verbunden sein muss. Wer sich als queer geoutet, aber nie negative Reaktionen dafür bekommen hat, kann ebenfalls seinen Platz in der queeren Community anzweifeln. Denn wie kann es sein, dass eins zur selben Gruppe von Leuten gehört, die für ihre Identität Mobbing, Diskriminierung oder gar körperliche Gewalt erlebt haben? Aber auch hier liegt das Problem nicht bei der queeren Person, sondern bei der Gesellschaft, in der es als normal angesehen wird, auf Anderssein mit Gewalt zu reagieren.

Und was wir gegen dieses Problem nun tun können? Nun – am besten zeigen wir auf, dass es auch anders geht und dass wir ganz wundervoll, und vor allem überall sind! Je mehr queere Leute sichtbar sind, und zwar auch queere Leute ohne extreme Leidensgeschichten, desto mehr junge Menschen können von Anfang an mit dem Wissen aufwachsen, dass es uns gibt und dass es absolut nichts Schlimmes ist, queer zu sein.

Die Medien

Leider wirken sich Darstellungen in verschiedensten Medien davon, wie queere Menschen angeblich sind oder zu sein haben, auch auf queere Menschen selbst aus. Wenn eins sonst keine oder nur wenige queere Menschen kennt, wird es schwierig, sich andere Bilder von ihnen zu formen. Eine Person, die feststellt, dass sie selbst queer ist, wird also eher dazu neigen, sich selbst zu hinterfragen, wenn sie nicht mit diesen Darstellungen übereinstimmt. Hierzu gehören nicht nur das Aussehen und die Verhaltensweisen von Personen, sondern vor allem auch die Probleme, auf die sie stoßen und ihre Biographien, die sich häufig sehr ähneln – sei es nun in journalistischen Beiträgen, wo häufig ähnliche „verdauliche“ Personen als Beispiele gewählt werden, oder in Filmen, Serien oder Büchern, wo queer sein leider immer noch häufig als etwas Tragisches dargestellt wird. Queere Charaktere kriegen selten ein Happy End, und haben häufig eine tragische Backstory.

Queere Repräsentation, und zwar so vielfältige Repräsentation wie möglich, ist also extrem wichtig!

Das Problem mit den Phasen

Habt ihr damals in der Schule auch noch beigebracht bekommen, dass viele Mädchen während der Pubertät mal eine Phase haben, in der sie sich sexuell mit anderen Mädchen ausprobieren? Mir wurde das vor 10 Jahren jedenfalls noch so von Lehrpersonen erzählt.

Und das ist (vor allem bei Mädchen und Frauen) leider eine gängige Meinung. Gerade bi+sexuelle Personen kennen den Vorwurf, dass das alles nur eine Phase sei – und zwar sowohl von cis /hetero, als auch von queerer Seite aus! Denn auch hier sitzen bestimmte Vorstellungen tief. Und so reden sich viele queere Personen ein, dass es nur eine Phase ist, wenn sie sich in der Pubertät zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen.

Und von queerer Seite aus kann es genauso passieren, dass beispielsweise Lesben bi+ oder pansexuellen Mädchen und Frauen sagen, dass sie ja früher oder später schon noch so richtig lesbisch werden würden. Dahinter stecken eigentlich genau dieselben Ideen – die Idee von einer “Normalität”, wo die Person schon noch hinkommen würde.

Gerade bei diesen Gedanken sollten wir uns alle selbst hinterfragen und überlegen, wo sie bei uns festsitzen – und sie anzweifeln, wenn eine Person sie öffentlich äußert.

Von Geburt an trans/schwul/ace/etc.

Im Umkehrschluss ist aber auch gerade die Idee sehr schädlich, dass eine Sexualität oder Geschlechtsidentität etwas sei, was sich niemals verändert. Also die Idee, dass eins schwul, nichtbinär, etc. geboren sei, und das auch immer bleibe. Das mag für manche Leute stimmen, die diese Dinge schon immer über sich wussten – immerhin finden manche trans Personen schon im Kindergartenalter heraus, dass sie trans sind. Dann wiederum – und vermutlich ergeht es dem Großteil queerer Personen so – gibt es viele Personen, die ihre Sexualität und ihr Geschlecht wieder und wieder hinterfragen, und denen bestimmte Dinge erst später auffallen. Das mag an neuen Erfahrungen liegen, oder an einem neuen sozialen Umfeld, oder vielleicht einfach daran, dass sie von einem bestimmten Label noch nie zuvor gehört haben und plötzlich in ihren 20ern, 30ern, oder sogar später feststellen, dass es auf sie zutrifft.

Das macht aber die vorherigen Erfahrungen nicht unbedingt nichtig! Die Idee, dass eins schon früh wissen muss, dass eins queer ist, führt dazu, dass diese Personen sich häufig zusätzlich anzweifeln, z.B. wenn eine schwule oder lesbische Person eine*n Ex eines anderen Geschlechts hat.

Auch hier können wir alle mit anpacken, indem wir versuchen, uns Geschlecht und Sexualität als etwas vorzustellen, was fließend sein kann und nicht immer in Stein gemeißelt sein muss.

Gatekeeping

Und selbstverständlich gibt es auch in Teilen der queeren Community selbst bestimmte Verhaltensweisen, die dazu führen, dass eine Person an queerem Imposter-Syndrom leidet. Gerade das, was wir Gatekeeping nennen. Das geschieht beispielsweise, wenn trans Personen aus schwulen oder lesbischen Räumen ausgeschlossen werden, oder wenn eine Gruppe von trans Personen bestimmte Standards hat, wie genau eine trans Person zu sein hat, um Teil der Gruppe zu sein.

Es ist wichtig, dass wir dem entgegenwirken und unsere Räume so offen und divers wie möglich gestalten!

Die Freude, sich selbst zu entdecken

Das sind nun ein paar Gedanken zum queeren Imposter-Syndrom. Und natürlich ist das keine Diagnose, sondern zunächst mal nur ein Begriff, der uns dabei hilft, unsere Erfahrungen und Gedanken einzuordnen. Ich hoffe, sie helfen euch dabei, eure eigenen Ängste und Zweifel ein wenig aufzudröseln!

Denn letztlich es wunderschön, sich selbst kennenzulernen.

Ja, manchmal passt ein Label auch nur ein paar Jahre lang. Und manche Leute brauchen länger zum Coming Out als andere. Manche Leute haben es einfacher als andere, und manche Leute sehen einfach nicht so aus wie eins sich eine queere Person vorstellt. Aber das macht es nicht weniger großartig, vielleicht einfach mal ein Label auszuprobieren, sich selbst immer wieder aufs Neue zu reflektieren und neue Dinge über sich rauszufinden. Sich einfach zu sagen: Ich habe ein Recht darauf, mir ein Label auszusuchen – oder mich bewusst dagegen zu entscheiden! Und ich habe ein Recht darauf, mich als Teil der queeren Community zu sehen!

Ich mag vielleicht nicht alles genau repräsentieren, was ich mir darunter vorstelle – aber wer tut das schon?

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