Polyamorie – was ist das und was machen wir hier eigentlich?

Hi. Ich bin Fluff und ich lebe seit sieben Jahren polyamor. Währenddessen hab ich mehrere Konzepte ausprobiert, zugesehen, wie „polyam“ immer weiter in den „Mainstream“ getragen wurde und zugehört, wie plötzlich mein Umfeld von „Schlampen mit Moral“ geschwärmt hat (ein Buch, welches ich ehrlicherweise einfach nicht so gut fand). Und dann ist mir aufgefallen, dass gerade die schwule Community das Prinzip schon viel länger macht, vor allem unter dem Stichwort „Konsensuelle Nichtmonogamie“ (es gibt auch eine sehr spannende Arbeit zum Thema, von Dr. Michael Raab, mit dem Schwerpunkt „Familienbeziehungen“). 


Aber was ist das eigentlich, Polyamorie bzw. „Konsensuelle Nichtmonogamie“?



Eigentlich bedeutet das nur, dass Menschen mehrere romantische und/oder sexuelle Beziehungen gleichwertig nebeneinander führen können. Dabei gibt es verschiedene Varianten, die ich euch jetzt vorstellen werde.



Die offene Beziehung: Eine offene Beziehung ist in den meisten Fällen eine mono-romantische Beziehung, in der beide Partner*innen sexuelle Kontakte zu weiteren Menschen haben. Dabei wird darauf Wert gelegt, dass die romantische Beziehung exklusiv zwischen den beiden Personen bleibt. (In der Praxis kann das sehr schnell schief gehen, wenn sich eine*r der Partner*innen verliebt und/oder Eifersucht ins Spiel kommt.) Offene Beziehungen können sowohl offen kommuniziert werden, als auch nach dem „don’t ask, don’t tell“ Prinzip funktionieren (übersetzt: Ich werde nicht fragen und du sollst mir auch nichts erzählen). 


Die polyamore Beziehung mit Machtgefälle: Es gibt eine*n Hauptpartner*in und (verschiedene) Nebenpartner*innen. Das Machtgefälle wird im Idealfall klar kommuniziert (also z.B. „Alex ist meine Hauptbeziehung, ich würde mit dir gerne eine Nebenbeziehung eingehen. Das bedeutet: Wir sind in einer Beziehung, aber meine Priorität in Bezug auf Zeit, Zukunftsplanung etc. liegt bei Alex.“) und alle Personen wissen, wo sie im Polykül (der Gesamtheit aller polyamoren Beziehungen der Beteiligten) stehen. Im Gegensatz zur offenen Beziehung sind jedoch sowohl romantische, als auch sexuelle Beziehungen mehrfach vorhanden, nur die Intensität (und die verteilten Ressourcen) werden innerhalb eines Machtgefälles organisiert.



Die Küchentisch-Polyamorie: Alle Partner*innen stehen (im Idealfall) gleichwertig nebeneinander und kennen sich. Das bedeutet: Es gibt keine Haupt- und Nebenbeziehungen. Diese Variante wird „Küchentisch-Polyamorie“ genannt, weil es darum geht, dass sich alle Teile des Polyküls auch an einem Küchentisch versammeln können, ohne, dass es für Beteiligte unangenehm wird – insofern sie das denn wollen.

Die Beziehungsanarchie: Teilweise wird sie als eigenes Beziehungskonzept gewertet, ist aber ebenfalls eine nicht-monogame Art der Beziehungsführung und wird deshalb hier aufgeführt. Hierbei wird versucht, vollständig auf Machtgefälle und/oder wertende Bezeichnungen von Beziehungen zu verzichten und nach dem Prinzip „alle nach ihren Fähigkeiten, allen nach ihren Bedürfnissen“ die Beziehungen autonomer zu organisieren.

Wichtig bei allen nicht-monogamen Beziehungsformen sind Konsens und Kommunikation. Ich habe während meiner „ich lerne mich und meine Bedürfnisse kennen“-Phase höchstwahrscheinlich alle Fehler gemacht, die eins so machen kann – blauäugig darauf vertrauend, dass Menschen offen kommunizieren werden, wenn sich ihre Bedürfnisse ändern oder sie eifersüchtig sind. Spoiler: Das tun Menschen eher nicht, es wird dann vor allem auf manipulative Kommunikation zurückgegriffen. Dadurch, dass wir alle monogam sozialisiert wurden, ist das Verlernen dieser „Bedienungsanleitung“ von Beziehungen ein Prozess, der nicht unterschätzt werden sollte.

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