Kummerkasten Antwort 97 – Woher kommt die körperliche Unzufriedenheit?

Hallo!

Ich bin Feministin und dachte eigentlich immer, abgesehen von einigen wenigen Momenten, dass ich zufrieden bin mit meinem Körper. Und meistens ist das auch so, aber manchmal nicht. Und wenn ich darüber nachdenke, selbst ein Junge zu sein, ist das für mich eigentlich kein Problem, ich finde nur den Gedanken an Penisse, egal ob wer so ein Ding in mich reinschiebt oder ob ich es berühre oder so, ziemlich schräg und so. Versteht ihr?

Ich weiß, dass ich nicht Trans bin, ich bin einfach nur verwirrt. Fällt euch was ein?

Hallo lieber Mensch,

deine Frage ist schwierig zu beantworten und hat sehr viele Aspekte, von denen ich sicher nicht alle bedenken und berücksichtigen kann – ich gebe allerdings mein Bestes und hoffe, es ist was Hilfreiches für dich dabei.

Zufriedenheit mit dem eigenen Körper ist komplex, vor allem für Menschen, die bei der Geburt weiblich zugewiesen und auch so erzogen wurden – die Ansprüche, die weiblichen Menschen von der Gesellschaft gestellt werden, sind extrem hoch und an allen Ecken und Enden wird uns beigebracht, dass wir mit unserem Körper unzufrieden sein sollen und ihn perfektionieren müssen. Viele Menschen haben diesen Prozess so sehr internalisiert, dass er ganz von alleine passiert und nicht mal mehr wirklich auffällt. Es ist deswegen nicht leicht zu sagen, warum eine Person unzufrieden mit dem eigenen Körper ist.

Gerade das macht es vielen trans Menschen schwer zu erkennen, dass sie trans sind. Ich will damit nicht sagen, dass du trans bist – du sagst ja, du weißt, dass du es nicht bist, und scheinst dich mit dem Thema schon auseinandergesetzt zu haben. Letztlich kannst nur du sagen, welcher Begriff dich am besten beschreibt. Weil du aber darüber redest, dass du manchmal mit deinem Körper unzufrieden bist und dich auch als Junge sehen kannst, möchte ich das trotzdem kurz ansprechen.

Es wird oft als ein großer Bestandteil von trans sein bewertet, unzufrieden mit dem eigenen Körper zu sein und ihn so ändern zu wollen, dass er den eigenen Vorstellungen vom eigenen Geschlecht entspricht. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper als trans Mensch wird als Dysphorie bezeichnet. Ich stehe dem etwas skeptisch gegenüber, weil es nur wenig mit der Selbstdefinition von trans Menschen zu tun hat, weil es uns vonseiten der Medizin aufgezwungen wird und weil es so negativ ist: Wir müssen quasi durch unser Leiden und unsere Unzufriedenheit “beweisen”, dass wir trans sind. Ich persönlich definiere Transsein lieber über Geschlechts-Euphorie statt Dysphorie – wenn es eine Person z.B. glücklich macht, von anderen als Mädchen gelesen und auch so angesprochen zu werden, dann ist es voll okay, wenn diese Person sich als trans Mädchen beschreibt. Ob dieses Mädchen dann unglücklich ist oder nicht, wenn sie nicht als Mädchen gesehen wird, ist dann eher zweitrangig – auch die Frage, ob sie unzufrieden mit dem eigenen Körper ist, und wenn ja, mit welchen Teilen ihres Körpers, steht dann nicht so sehr im Mittelpunkt.

Wer trans ist, muss also nicht unbedingt und immer mit allen “vergeschlechtlichten” Körperteilen (also z.B. mit Genitalien, Brüsten, Behaarung etc.) unzufrieden sein. Und umgekehrt ist Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper nicht immer ein Zeichen für Transsein.

Du sagst, die Vorstellung, ein Junge zu sein, ist für dich kein Problem – das kann vielleicht daran liegen, dass du ein trans Junge bist, aber nur du kannst entscheiden, ob du dich so benennen willst. Es kann aber auch bedeuten, dass du vielleicht nichtbinär bist. Nichtbinär ist ein Überbegriff für alle Menschen, die nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind. Weil du sagst, dass du die Unzufriedenheit nur manchmal spürst, könnte der Begriff “genderfluid” vielleicht passend für dich sein; das bedeutet, dass deine Geschlechtsidentität sich manchmal verändert, und dass du eben vielleicht nur manchmal ein Junge bist. Vielleicht fühlt es sich aber auch einfach nur so an, als wärst du teilweise ein Junge, aber eben nicht ganz. Dann trifft evtl. der Begriff “demiboy” auf dich zu. Vielleicht fühlst du dich auch wohl in deinem weiblichen Geschlecht, magst es aber, deine maskuline Seite auszudrücken – viele lesbische und queere Frauen und Menschen benutzen dafür das Wort “Butch“.

Vielleicht ist unter diesen Begriffen ja was dabei, was dich beschreibt – vielleicht auch nicht, und das ist auch okay. So oder so sind deine Gefühle zu deinem eigenen Geschlecht vollkommen in Ordnung und du bist sicher nicht alleine damit.

Ich wünsche dir viel Erfolg und alles Gute bei deiner Suche!
Liebe Grüße,

Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Körperliches Geschlecht

Körperliches Geschlecht: Das körperliche Geschlecht eines Menschen ist eine gesellschaftliche bzw. kulturelle Konstruktion, bei der verschiedenen Körperteilen, wie beispielsweise Genitalien, Hormonen und Chromosomen, eine Geschlechtlichkeit zugeschrieben wird. Zum Beispiel wird in unserer Gesellschaft ein Penis als Code für Männlichkeit gesehen. „Konstruktion“ bedeutet, dass es kein natürliches körperliches Geschlecht gibt, sondern unsere Gesellschaft dies erst erschaffen hat, zum Beispiel durch die Erwartung, dass alle Frauen Eierstöcke haben. Diese Vorstellung ist aber fehlerhaft und diskriminierend, beispielsweise für inter Menschen, deren Körper nicht in das zweigeschlechtliche System passen. Außerdem sagen Körpermerkmale nichts über das Geschlecht aus, mit dem sich eine Person identifiziert. So kann es beispielsweise auch Männer geben, die Brüste und eine Vagina haben.

CAFAB

CAFAB: Die Abkürzung CAFAB steht für “coercively assigned female at birth”, also “bei Geburt gewaltsam dem weiblichen Geschlecht zugewiesen”. Diese Formulierung wird vor allem von inter Personen benutzt, die bei ihrer Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen und dementsprechend operiert wurden, ohne dass ihr Einverständnis vorlag. Die Formulierung kann aber auch von trans Personen benutzt werden, die damit ausdrücken, dass sie aufgrund ihrer Genitalien einem Geschlecht zugewiesen wurden, dem sie sich nicht zugehörig fühlen.