Kummerkastenantwort 263: Bin ich trans oder hab ich keine Lust auf Sexismus?

Hey liebes QueerLexikon-Team!
Ich habe mich bis jetzt immer als cis Lesbe identifiziert, habe aber in letzter Zeit immer wieder Zweifel ob ich mich wirklich als Frau fühle? Ich fühle mich häufig sehr uncomfortable mit meinen als “typisch weiblich” gelesenen Körpermerkmalen (Brüste, breite Hüften) und würde sie manchmal am liebsten verstecken oder verschwinden lassen.
Ein ganz großer Teil von dieser Uncomfortable-ness kommt glaube ich daher, dass ich mich irgendwie davor “ekle” von straighten Männern als sexuelles Objekt gesehen werden könnte. In der Gegenwart von Frauen oder anderen queeren Menschen fühle ich mich viel wohler in meiner Haut, aber wenn ich meine Bubble verlasse würde ich am liebsten einfach als genderlos oder androgyn wahrgenommen werden falls das Sinn macht?
Bin ich vielleicht trans* oder fühle ich mich nur in den engen Rollenbildern für Frauen nicht wohl? Woran könnte ich feststellen was von beiden denn nun mehr zutrifft?

Danke schon mal,
Grüße, L

Hallo L,

die Antwort auf deine Frage ist gar nicht so leicht. Es ist sehr verständlich, dass du dich unwohl fühlst, wenn hetero Männer deinen (weiblich gelesenen) Körper sexualisieren. Das geht sehr vielen so, auch, weil uns durch viele Medien beigebracht wird, dass “weibliche Körper” und vor allem “weibliche Körpermerkmale” immer auch sexy sind oder es sein müssen. Dieses Unwohlsein empfinden sowohl cis Frauen als auch Menschen, die zwar bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden, aber nicht (oder nicht ausschließlich) weiblich sind.

Für viele Menschen, die bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden und die ihr Geschlecht hinterfragen, ist das eine große Frage: Woher kommt das Unwohlsein mit dem Körper? Kommt es von dem Sexismus und der Objektifizierung, die sie erfahren, oder hat es vielleicht doch etwas mit einer trans Identität zu tun? Du schreibst, dass dein Unwohlsein eigentlich fast verschwindet, wenn du unter Frauen oder queeren Menschen bist – das deutet ja an sich darauf hin, dass das Unwohlsein eher von außen kommt und nichts über dein Inneres und dein Geschlecht aussagt. Aber das muss auch nicht unbedingt sein – wenn du feststellst, dass du das Label “trans” für dich doch irgendwie passend findest, dann ist das genauso richtig.

Wichtig ist, dass du dich kleiden und geben darfst, wie du möchtest, und dass es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn sich das je nach Kontext ändert. Wenn du z.B. in der Öffentlichkeit deine Brüste lieber mit einem Binder verstecken willst und deine breiten Hüften mit weiter Kleidung kaschieren willst, dann ist das voll okay. Wenn du dann aber lieber in queeren Kreisen oder unter Frauen femininere Kleidung tragen möchtest oder deinen Stil vielleicht mal durchmischen möchtest, dann ist das genauso in Ordnung.

Vielleicht ist es gar nicht ganz so wichtig, wie du dein Geschlecht und dich genau benennst, solange du das tust, was dir gut tut. Wenn du aber doch gern ein Label hättest, dann lohnt es sich bestimmt, mit anderen trans Menschen und lesbischen Frauen, vor allem Butches, darüber zu reden. Die haben oft ähnliche Erfahrungen wie du gemacht und sich vielleicht schon die gleichen Fragen gestellt – vielleicht kannst du so herausfinden, welches Label sich für dich am passendsten anfühlt. Was ich auch sehr empfehlen kann, ist die Comedy von Rhea Butcher. Rhea hat sich lange als lesbische Butch identifiziert und hat sich vor einiger Zeit als trans und nichtbinär geoutet. In Rheas Comedy geht es viel um die Themen, zu denen du dir auch Fragen stellst.

Ich wünsche dir alles Gute bei deiner weiteren Suche! Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder uns einfach nur erzählen möchtest, wie sich die Dinge bei dir entwickeln. 🙂

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 209 – Ich will kein Mann sein?!

TW: In dieser Frage geht es unter anderem um Sexismus, Mobbing, toxische Geschlechterrollen und Transfeindlichkeit.

Hallo,
Ich glaube um meine Situation zu erklären muss ich leider ein wenig ausholen. Sorry schon mal falls diese Nachricht etwas lang wird.
Ich bin 19 Jahre alt und (zumindest biologisch gesehen) ein Mädchen /eine Frau.
Was meine Sexualität und mein Geschlecht angeht bin ich jedoch schon von klein auf sehr verwirrt. Als Kind im Grundschulalter wollte ich immer unbedingt ein Junge sein. Ich habe mir gar nicht viele Gedanken darüber gemacht sonder einfach diesen Traum ausgeplaudert. Natürlich nahm das keiner ernst. Meine Mitschüler haben mich auch Jahre später noch damit geärgert und meine Eltern haben es einfach nicht weiter beachtet. Ich habe auch nicht weiter drüber nachgedacht weil ich von Transgender und so was allem natürlich noch nichts gehört hatte. Als ich älter wurde habe ich aufgrund von Mobbingerfahrungen und dem schwierigen Verhältnis zu meinem Vater “gelernt” dass Jungs/Männer Arschlöcher sind. Sorry für die Ausdrucksweise. Ich habe aufgehört ein Junge sein zu wollen und versucht mich mit der Rolle als Mädchen abzufinden. Ich fing mehr und mehr an das Männliche Geschlecht zu hassen und darauf meine Identität aufzubauen. Ich habe mich lange Zeit durch die bloße Tatsache ein Mädchen zu sein gedemütigt gefühlt. Ich hatte die Erfahrung gemacht dass in unserer Gesellschaft die Jungs/Männer mehr wert sind, bestimmen dürfen, mehr Rechte haben,… In dem Weltbild, dass ich mir aufgebaut hatte waren Frauen nichts wert. Irgendwann erkannte ich jedoch dass in Wahrheit die Frauen die besseren sind und die Männer der Feind der uns nur eintrichtern will wir wären wertlos und schwach. Ich könnte jetzt noch ewig über mein Bild von Männern und Frauen reden aber das würde euch wahrscheinlich alle nur wütend machen weil die meisten Menschen sagen das sei völlig falsch. Männer seien nicht gefühlskalt, herrisch, rechthaberisch, selbst erlebt,… Ich habe jedoch genau die Erfahrung gemacht.
Zurück zum wesentlichen. Ich habe also versucht mich mit meiner Frauenrolle zu identifizieren was mir durch den Hass auf Männer gelang und durch meinen Wunsch mich an der Männerwelt rächen zu können. Trotzdem habe ich mich besonders von meinem weiblichen Körper immer gedemütigt gefühlt und er fühlt sich einfach nicht nach meinem an.
Vor ein paar Monaten habe ich herausgefunden dass ich lesbisch bin. Zunächst dachte ich das würde all meine verwirrenden Gefühle erklären. Ich dachte wenn ich weiß nicht eines Tages mit einem Mann zusammen sein zu müssen entspannt das mein Verhältnis zu den Männern. Das hat jedoch nicht funktioniert. Im Gegenteil. Nachdem dieses Problem gelöst war drängte sich mir wieder die Frage nach meiner Identität auf. Nach langem Überlegen kam ich zu der Erkenntnis dass ich mich fühle wie ein Junge der ein Mädchen sein will. Diese Erkenntnis hat mich jedoch noch mehr verwirrt. Ich habe den Körper einer Frau, habe aber das Gefühl den eines Mannes zu haben bzw. hätte gerne den eines Mannes. Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich das Gesicht eines Jungen/Mannes. Aber ich will kein Mann sein. Von der Persönlichkeit will ich eine Frau bleiben. Ich will kein gefühlskalt Eisblock werden, der sich immer als der Überlegene und der Tollste fühlt. Ich will nicht andere Menschen erniedrigen nur weil sie ein anderes Geschlecht haben. Außerdem, wenn ich ein Mann werden würde wäre ich ja nicht mehr Homosexuell. Ich habe jedoch festgestellt dass ich Heterosexualität echt eklig finde. Ich finde es okay wenn Menschen Hetero sind und kann es auch akzeptieren aber ich kann zum Beispiel noch nicht einmal hinschauen wenn sich Mann und Frau in einem Film küssen. Bei Homopaaren ist das kein Problem. Das heißt als Mann müsste ich auf Männer stehen, doch das kann ich eben nicht weil ich auf Frauen stehe.
Wahrscheinlich kapiert kein Mensch was ich mit diesem wirren Gerede sagen will. Ich verstehe mich und meine Gefühle ja selbst nicht. Ich weiß nur dass ich meinen weiblichen Körper kaum noch ertragen kann, obwohl ich so vieles versucht habe mich mit ihm anzufreunden. Besonders meine Brust kann ich absolut nicht akzeptieren. Schon dafür, zugeben zu müssen dass ich eine habe, schäme ich mich sehr. BHs kaufen ist das Demütigendeste was es gibt und ich verzweifle langsam echt. Ich habe schon mehrmals versucht sie abzufinden, was aber jedes Mal zu starken Schmerzen, Atemnot und blauen Flecken geführt hat. Jetzt habe ich zwar eine neue Methode dafür gefunden, die wenigstens hält aber schmerzhaft ist es immer noch, besonders weil ich chronischen Husten habe der dadurch verstärkt wird.
Die Leute in meinem Umfeld meinen ich könne meinen Körper nur nicht akzeptieren weil ich nicht erwachsen werden will. Es stimmt zwar dass ich mich mit dem erwachsen werden schwer tue aber ich glaube nicht dass das der Grund dafür ist warum sich mein Körper nicht nach meinem Körper anfühlt.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich will doch einfach nur wissen wer oder was ich bin. Ich bin so verwirrt. Auf der einen Seite will ich nicht einfach nur eine Frau sein, weil sich das falsch anfühlt. Auf der anderen Seite will ich aber auf keinen Fall ein Mann sein. Mein Ekel vor Männern wird irgendwie immer größer. Wenn sich zum Beispiel einer in der Bahn neben mich setzt kann ich oft kaum noch atmen und bekomme regelrecht Angst. Wenn mich ein Mann/Junge berührt muss ich mich sofort desinfizieren. Ich schäme mich total dafür. Schließlich rege ich mich darüber auf dass die Männerwelt uns Frauen schlecht macht und erniedrigt und selbst bin ich so voll Hass und Ekel gegenüber Männern. Bitte denkt jetzt nicht schlecht über mich. Ich will so nicht fühlen oder denken. Ich weiß nur nicht wie ich es ändern kann.
Am liebsten wäre ich einfach Mann und Frau zugleich. Ich habe gelesen dass das zwar geht aber ich verstehe das alles nicht. Es ist zu verwirrend. Und wenn ein Teil von mir ein Mann wäre, wie sollte ich damit leben. Auf der anderen Seite kann ich ja aber auch nicht mit dem Frau sein leben. Ich habe versucht mir vorzustellen wie es wäre ein Mann zu sein und es hat sich sehr einsam angefühlt. Männer haben schließlich keine richtigen Freunde, reden nicht über Gefühle, müssen immer die starken Beschützer sein,… Ich kann so nicht leben. Und eine Partnerin würde ich dann erst recht nie finden. Ich könnte es niemals mit meinem Gewissen vereinbaren dass wegen mir eine Frau mit einem Mann zusammen lebt. Männern kann man einfach nicht vertrauen und ich will dass man mir vertrauen kann. Ich will aber auch dass ich mich jemandem anvertrauen kann und nicht den Rest meines Lebens ein starker Macho sein muss.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter.
Ich habe mit ein paar Leuten in meinem Umfeld darüber gesprochen und die meinten ich solle einfach aufhören darüber nachzudenken. Ich sei eine Frau und damit müsse ich mich abfinden und mein Geschlechterrollenbild sei eh viel zu verschoben um da zu einer Lösung zu kommen. Man könne eh nichts an dem ganzen ändern. Ich schaffe es aber einfach nicht mich damit abzufinden und einen Punkt an die Sache zu setzen. Wer bin ich? Und was kann ich tun um das herauszufinden?

Hallo du,

erst einmal tut es mir leid, dass dich als Kind mit deinem Geschlechtsausdruck niemand ernst genommen hat und dass du so viele schlechte Erfahrungen damit und mit Männern machen musstest.

Es stimmt, dass sehr viele Eigenschaften, die in der Gesellschaft als “männlich” gelten, nicht gerade menschlich, herzlich und freundlich sind. Von Männern wird erwartet, dass sie stark, durchsetzungsfähig und wenn nötig auch aggressiv sind, und das macht es vielen Männern nicht gerade leicht, gute Menschen zu sein. Und weil es diese ganzen Geschlechterrollen und Erwartungen an Männer gibt, schaffen es viele nicht, einen positiven sozialen Umgang mit ihren Mitmenschen zu entwickeln. Dazu kommt noch, dass Frauen in unserer Gesellschaft fast überall im Vergleich zu Männern abgewertet werden und viel Diskriminierung und Gewalt erfahren, oft von Männern.

Das heißt aber nicht, dass alle Männer so kalt, verletzend und freundelos sind, oder dass du so sein musst, wenn du feststellen solltest, dass du tatsächlich ein Mann bist. Es gibt unzählige Männer, die sich bemühen, besser zu sein als ihr Ruf, die enge Freundschaften pflegen und hilfsbereit, großzügig, weich und verständnisvoll sind. Nicht alle Männer sind genau gleich, so wie auch nicht alle Frauen exakt gleich sind. Es gibt überall gute und schlechte, und dann noch zahlreiche Abstufungen dazwischen.

Wenn du feststellen solltest, dass du ein Mann bist, dann bist du immer noch du selbst. Dein Charakter bleibt so, wie er ist, deine Art zu lieben bleibt so, wie sie ist, und du bist immer noch der gleiche Mensch wie immer. Und das ist vollkommen okay. Du bekommst die Chance, ein besserer Mann zu sein als die, mit denen du so schlechte Erfahrungen gemacht hast, und du alleine entscheidest, was für eine Art Mann und Mensch du bist.

Was deine Angst vor Männern und deinen Ekel betrifft, da kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Ich hoffe, du findest eine fähigere Person als mich, mit der du über diese Themen reden kannst – das würde sicher bei all diesen Themen auch helfen.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg,
Balthazar

Frauenkampftag

Der Frauenkampftag, auch Internationaler Frauentag genannt, findet seit 1921 jährlich am 8. März statt. Der Tag wurde von Frauen der sozialistischen Arbeiter*innenbewegung ins Leben gerufen und wurde damals in verschiedenen Europäischen Ländern und den USA begangen, damals vor allem mit dem Ziel eines gleichen, geheimen und freien Wahlrechts für Frauen. Heute soll der Tag auf die Probleme und Benachteiligungen von Frauen aufmerksam machen, auch und vor allem der Frauen, die mehrfach marginalisiert sind: z.B. be_hinderte Frauen, trans Frauen, Frauen of Color, geflüchtete Frauen etc.

Folge 3: Diskriminierung

Hallo und Herzlich Willkommen zur dritten Folge unseres Podcasts Buchstabensuppe. Heute wollen wir uns mit dem Thema Diskriminierung beschäftigen. Das Wort hast du bestimmt schon mal gehört. Aber: was bedeutet der Begriff überhaupt? Und: welche Formen und welche Ebenen von Diskriminierung gibt es? Das wollen wir heute klären und auch erzählen, was du gegen Diskriminierung tun kannst – wenn es dir passiert, aber auch, wenn es anderen passiert. Diskriminierung ist ein sehr großes Thema, deswegen müssen wir in dieser Folge auch manchmal Sachen weglassen. Wenn du aber dieses Symbol siehst, gibt es dazu mehr Informationen in einer anderen Folge oder in der Infobox.

 

Diskriminierung Teil 1 📦 Schubladendenken und Intersektionalität?!

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