Enby Q&A 35

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

Ich habe schon vor ein paar Jahren festgestellt, dass ich trans bin und mich bisher auch als Transmann bezeichnet, jedoch stelle ich immer mehr fest, dass das irgendwie halt doch nicht das richtige ist. Also, tatsächlich nur die Bezeichnung; mit dem Pronomen er/ihm habe ich absolut kein Problem und fühle mich damit auch wohl, auch mit der Anrede Herr, etc. gibt es kein Problem, nur mit der generellen Identifikation “Mann”. In der Hinsicht würde ich mich einfach als… “nichts” bezeichnen. Fällt das dann schon unter nicht-binär? Oder gibt es dafür eine konkretere/bessere Bezeichnung?

Ja! So ähnlich war meine Entwicklung auch! Ich merkte auch zuerst nur, dass das mir zugewiesene Geschlecht nicht passt, und dachte dann, dass demnach „das andere“ Geschlecht korrekt sein müsse. Bis ich dann drauf kam, dass ich stattdessen nichtbinär bin, dauerte es eine Weile.

Also, so wie du „nichts“ sagst, fällt mir als erstes das Label „agender“ ein. Das wird üblicherweise unter den Oberbegriff „nichtbinär“ gefasst, und bedeutet ungefähr, dass du kein Geschlecht hast, oder dass du mit dem Konzept Geschlecht für dich einfach nichts anfangen kannst.

Als agender Person kannst du natürlich weiterhin alle Pronomen und Anreden für dich benutzen, die sich für dich gut anfühlen, also zB „er“ und „Herr“.

Aber du kannst statt „agender“ auch einfach „nichtbinär“ dazu sagen. Oder bei „nichts“ bleiben.
Vielleicht trifft auch ein Label wie „transmaskulin“ oder „Demiboy“ oder „maskulines Enby“ das was du empfindest.

Wichtig ist: Es gibt weder eine Logik, nach der berechnet werden könnte was genau zutrifft, noch eine obere Instanz, die dir ein Label erlaubt oder nicht. Entscheidend ist allein, womit DU dich gut fühlst und was dir hilft!

Einfach mal eine Prideflag erfinden?

Klar!

Was bisher geschah:

Dazu gesagt. Mich stören da zwei Dinge. Zum einen sind die Trans- und genauso die abgeleiteten Demiflaggen alle frisch aus der Rosa-Hellblau-Falle. Zum anderen gibt es da eine furchtbar gute alternative lesbische Prideflag, mit einer großen Axt drauf. Eine Axt! 

Lesbische Prideflag. Weiße Doppelaxt in einem schwarzen Dreieck auf lilanem Grund.
Die Lesben haben tatsächlich eine Axt in der Flagge. Absolut Badass.

Was ich jetzt brauche:

Die Liste der Dinge, die jetzt also haben will/wollte ist also fast überschaubar. Eine Prideflag. Für irgendwas mit trans, mit Weiblichkeit, mit Nicht-Binärität, mit Demigender. Nicht mit irgendwelchem Rosa-Hellblau-Quark. Aber dafür Badass.

Da ich Gestaltung echt nicht so drauf habe, bin ich damit zu Rabe, und hab ihr in etwa genau das als Arbeitsauftrag gegeben.

Was ich bekommen habe:

Das Ceres-Symbol

Jetzt ist natürlich die Frage, was für ein Symbol dahin kommt. Und das geht über Bande, mit einem anderen Symbol. Demifrauen verwenden manchmal das (astronomische) Symbol für Ceres. Das sieht ein bisschen aus wie das Venus-Symbol, aber der Kreis ist nicht komplett geschlossen. Und Ceres wiederum hat Symbole, mit denen die häufig dargestellt wird. Also in dem Fall die römische Göttin und nicht der Planet. Zum Beispiel ein Schwein. Wäre super für eine lässige Prideflag. Aber auch eine Fackel. Rein mythologisch leuchtet sie damit den Weg aus, aber do eine Fackel ist auch super für Feuer unterm Hintern. Fast so badass wie eine Axt.

Rabe hat sich dann mal ein paar Gedanken gemacht, und ein nices Rot-Konzept auf die Beine gestellt. Excitement, Energy, Passion, Courage, Attention. Oder: Begeisterung, Energie, Leidenschaft, Mut und Achtsamkeit.

Könnte eine ganz gute Sache sein, so eine Prideflag mit einer Fackel.

Die Flagge ist, wie die anderen hier gezeigten Prideflags, als einfache geometrische Darstellung gemeinfrei – darf also beliebig weiterverwendet werden. Falls wer sie irgendwo nutzt oder was nettes damit macht, freue ich mich über eine Rückmeldung über unsere SocialMedia-Kanäle oder an Xenia-ätt-Queer-lexikon-net. Zuletzt. Danke, Rabe. Ohne dich gäbe es das hier nicht.

Enby Q&A 34

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Bin eben auf die Bezeichnung „Nicht-Binäre Frau“ gestoßen.
Schließt sich nicht-binär und Frau nicht irgendwie aus?

Neee, das schliesst sich nicht aus ^^

Nichtbinär bedeutet, gar nicht, nicht NUR oder nicht IMMER weiblich bzw männlich zu sein.
Eine nichtbinäre Frau kann also durchaus gleichzeitig nichtbinär und Frau sein (also nicht NUR Frau) oder abwechselnd (nicht IMMER Frau).

Es sagt einfach aus, dass beide Aspekte (nichtbinär sein UND Frau sein) für die Identität dieser Person relevant sind.
Andere Leute drücken diese Kombination vielleicht über das Label „transfeminin nichtbinär“ aus, oder über „demigirl“, oder „weiblich agender flux“, oder „feminine of center“, und so weiter.

Enby Q&A 33

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Mir gefällt der Klang von „Enby“ nicht. Gibt es noch andere Bezeichnungen für nichtbinäre Menschen?

Ja, „Nibi“ wird auch verwendet! Darum ist auch die Adresse des Wikis http://nibi.space/

Aber es gibt auch verschiedene Aussprachen von „Enby“, manche sprechen es als „enn-bai“, manche als „enn-bih“, manche eher als „inn-bih“, und so weiter.

Enba Q&A 32

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Ich bin weder weiblich noch männlich aber präsentiere mich eher als weiblich und benutze auch sie/ihr . Nun gibt es allerdings einige Dinge in meinem Intim Bereich die ich verändern wollen würde die normalerweise Trans Männern zugeschrieben werden. Und das heißt im Endeffekt ja das ich im Bezug auf Trans sein Frau und Mann zugleich bin bzw für die Gesellschaft das eine und sonst das andere…… Ich steige da langsam selbst nicht mehr durch. Kennst du evtl eine passendere Bezeichnung als bloß nibi/ non-binary?

Geschlechtsidentität ist unabhängig von Körper, Aussehen und Pronomen!
Du sagst, du bist weder weiblich noch männlich. Mach einen Punkt an dieser Stelle. Alles danach muss mit deinem Geschlecht nichts mehr zu tun haben 🙂

Als nichtbinäre Person kannst du alle Pronomen benutzen, die du möchtest. Wenn du “sie” benutzt weil es hübsch klingt, oder weil es einfacher ist, oder einfach weil es sich gut anfühlt, dann ist das vollkommen in Ordnung.
Nichts davon macht dich mehr weiblich oder weniger nichtbinär.

Als nichtbinäre Person kannst du aussehen wie du möchtest. Wenn du dich eher feminin präsentierst weil du das hübsch findest, oder weil es einfacher ist, oder einfach weil es sich gut anfühlt, dann ist das vollkommen in Ordnung.
Nichts davon macht dich mehr weiblich oder weniger nichtbinär.

Als nichtbinäre Person kann dein Körper aussehen wie du möchtest. Wenn du medizinische Eingriffe in Anpruch nehmen möchtest, die üblicherweise trans Männern zugeschrieben werden, dann ist das vollkommen in Ordnung.
Auch das macht dich weder mehr männlich noch weniger nichtbinär.

In Bezug auf trans sein bist du einfach nur du. Du musst nicht in ein Schema passen, du musst nicht eine bestimmte Richtung einschlagen, und du musst nicht bestimmten Stereotypen entsprechen. Und wenn du zufällig irgendwelche Stereotypen erfüllst, dann ändert das nichts an deiner Identität!
Tu das, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt 🙂

So, und jetzt zum unangenehmen Teil: Unsere Gesellschaft ist scheisse.
Es kann sein, dass du an nibifeindliche binaristische Gutachter/innen gelangst, die du anlügen musst, um medizinische Transitionsschritte (zB Veränderungen im Intimbereich) vornehmen zu dürfen. In so einem Fall kann es nötig sein, dass du behauptest trans männlich zu sein, und dich zu den Terminen entsprechend präsentierst. Auch das macht dich weder mehr männlich, noch weniger nichtbinär. Es zeigt einfach nur, dass die Welt stereotyp, binaristisch und scheisse ist.

Und zu deiner eigentlichen Frage:
Es gibt noch jede Menge Begriffe und Labels, die ähnlich aber nicht gleich sind wie “nichtbinär”. Vielleicht findest du hier https://nibi.space/liste_nichtbin%C3%A4rer_identit%C3%A4ten einen, der sich für dich stimmig anfühlt?
Aber, wie gesagt, nichts was du gesagt hast spricht für mich gegen “nichtbinär” 🙂

 

We want you

Guten Morgen! Bei i-D Germany soll etwas cooles entstehen – und ihr könnt mitmachen! Wir finden die Idee super und teilen deswegen gerne diesen Aufruf.

 

WE WANT YOU!

Du bist identifizierst dich als queer?
Bist zwischen 16 und 24 Jahre alt?
Du lebst auf dem Land oder in einer Kleinstadt?
Dann suchen wir genau dich!

Für ein Projekt (Interview und Fotos) sucht die Online-Plattform i-D Germany nach Personen, die im Rahmen einer Themenwoche rund um Gender und Sexualität über ihre persönlichen Erfahrungen mit Liebe, Community und Familie sprechen möchten.

Haben wir dein Interesse geweckt? Dann melde dich für mehr Details via Mail (deeditorial@i-d.co) oder DM (@id_germany) bei uns. Wir freuen uns schon jetzt auf deine Nachricht!

(Foto: Tereza Mundilová)

Enby Q&A 31

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Wie genau gibt man seine Pronomen an? Man sieht so viele unterschiedliche Varianten, manche schreiben bspw sie/she, das ergibt für mich Sinn, manche schreiben auch sowas wie they/them, das ist mir nicht ganz klar. Gibts da so etwas wie einen “Standard” oder macht das jeder so wie es ihm passt?

Eher so wie es zu den Bedürfnissen passt.

Die Version „sie/she“ gibt ja eine deutsche und eine englische Version an, das ist natürlich nützlich wenn du in mehreren Sprachen unterwegs bist.
In meinem Fall ist es „es/they“, nicht wie eins vll erwarten könnte „es/it“ oder „xier/they“.

Die Version „they/them“ gibt an, wie das Pronomen flektiert wird.
Auch hier ist es in vielen Fällen logisch erschliessbar, aber in manchen eben nicht, weil es sich um Neopronomen (zB „fay“) handelt, oder ein bekanntes Pronomen mit unüblicher Flektion (zB „es/es“ statt „es/ihm“).

Eine weitere Variante ist, mehrere verschiedene Pronomen anzugeben, die alle für dich korrekt sind, zB als „er/es“. Dann können Leute aussuchen welches sie für dich benutzen, oder du markierst irgendwie jeweils, welches grade aktueller ist.

Du machst also das was auf dich zutrifft und für deinen Fall nützlich ist.
Wenn dein Pronomen „sie“ mit üblicher Flektion ist, und du eh nur auf Deutsch schreibst, dann reicht auch die Angabe „sie“.

Zumindest wenn du okay damit bist, dass Leute dich dann siezen, weil sie die Pronomenangabe nicht verstehen 😉

 

Verschlimmbesserungen überall – der Entwurf für das neue TSG

Die Bundesministerien für Justiz und Verbraucherschutz und Inneres, Bau und Heimat haben einen Gesetz zur Reform des Transsexuellengesetzes vorgelegt. Das war lange überfällig. Buzzfeed hat den Referentenentwurf veröffentlicht. Wird jetzt alles gut? Wie war das bis jetzt? Was ändert sich?

Wie war das bis jetzt?

Das Transsexuellengesetz ist ziemlicher Murks. Es kommt aus den 1980ern Jahren, wurde auch unter der Vorgabe geschrieben, gleichgeschlechtliche Ehen durch die Hintertür zu verhindern – die “Angst” war, dass zum Beispiel zwei Frauen heiraten würden, in dem eine davon ihr Geschlecht amtlich ändert, während gleichgeschlechtliche Ehen noch als sittenwidrig galten. Diese Ehen sind längst erlaubt, diese sehr zweifelhafte Vorgabe ist also hinfällig. Auch das gesamte Leitbild, dass Trans-Sein eine Krankheit ist, diagnostiziert und behandelt werden muss, das sich im Gesetz niederschlägt, war nie richtig und entspricht weder dem Stand der Medizin oder der Wissenschaft, noch lässt sich das Gesetz mit dem Grundgesetz oder den Menschenrechten vereinbaren. Deswegen hat das Bundesverfassungsgericht auch schon eine ganze Menge Paragraphen aus dem TSG für verfassungswidrig erklärt – diese gelten nur noch eingeschränkt oder nicht mehr.

Was noch gilt ist zum einen der Gutachtenzwang. Kein TSG-Verfahren ohne meistens zwei unabhängige Gutachten darüber, dass die antragsstellende Person wirklich trans ist. Diese Gutachten sind teuer. Häufig werden auch übergriffige Fragen gestellt, insgesamt ist die Erstellung oft auch entwürdigend. Wissenschaftlich ist eine solche Begutachtung ebenso nicht zu rechtfertigen.
Zum anderen sind die Verfahren beim Amtsgericht angesiedelt. Das macht das einerseits teuer, andererseits ist das schlicht entwürdigend frech, für ein Amtsgeschäft ein Gerichtsverfahren führen zu müssen.

Mit dem Gesetz zur dritten Option kam etwas Bewegung in die Sache. Das Innenministerium hat das zwar nicht gewollt, aber durch die Formulierung, die dort gewählt wurde, ist es allen, egal ob trans, inter oder nicht-binär möglich, mit einem Schreiben, das eine “Variante der Geschlechtsentwicklung” bescheinigt, beim Standesamt Namen und Geschlecht auf der Geburtsurkunde ändern zu lassen. Dieses Gesetz wurde vielfach kritisiert: Nur weil rechtlich nicht klar ist, was “Variante der Geschlechtsentwicklung” bedeutet, ist es überhaupt allen möglich, diese Anträge zu stellen. Das BMI versucht laufend in Interviews und Handreichungen an die Standesämter zu verhindern, dass Personen, die nicht inter sind, die neue Regelung nutzen, behauptet in ärztlichen Fachzeitschriften, auch, dass es illegal und strafbar sei, solche Bescheinigungen überhaupt auszustellen. Selbst wenn es eine Falschbeurkundung darstellen würde, Personen, die trans sind, eine “Variante der Geschlechtsentwicklung” zu attestieren, halte ich es für quasi unmöglich, dass es zu einer Verurteilung kommen könnte, da das Gesetz keine Begründung verlangt – es ist somit gar nicht möglich, nachzuvollziehen, wie die ausstellende Person zum Schluss kam, dass eine solche Variante vorliegt, zumal eine “Variante der Geschlechtsentwicklung” im Gesetz gar nicht näher definiert ist.

Was ändert sich?

Bisher nichts. Das BMI und BMJV haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der bald dem Bundestag vorgelegt werden soll. Der jetzt vorgelegte Entwurf verschlimmbessert das alles im Wesentlichen nur. Zudem löst er Probleme, die eigentlich gar keine sind. So wird das TSG aufgehoben und die neuen Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch gefasst. Begründet wird das damit, dass Personen, die trans sind, sich durch den Sonderstatus des TSG diskriminiert fühlen würden.
Wir fühlen das allerdings nicht nur, das Gesetz behandelt uns objektiv ziemlich bescheiden. Und: davon, dass das Zeug jetzt im BGB landet, wird auch nichts besser. Es ist mir völlig egal, wo das alles rechtlich geregelt wird, solange es ein selbstbestimmtes Verfahren ohne Fremdbegutachtung vorsieht, solange die Regelungen ohne Vorschriften für Körperbilder auskommen, solange Beratung möglich, sachlich, kostenlos, anonym und nicht verpflichtend angeboten wird, solange die Anträge einfach beim Standesamt zu stellen sind, solange alle antragsstellenden Personen gleichbehandelt werden, unabhängig davon, ob trans, inter oder nicht-binär, solange auch Jugendliche die Möglichkeit auf Namens- und Personenstandsänderung bekommen, notfalls auch gegen den Willen der Eltern. Solange das aber alles nichts wird, können die rechtlichen Regelungen stehen, wo sie wollen, ich werde sie nicht haben wollen.

Eine wesentliche Änderung ist, dass die Begutachtungen durch eine Beratung ersetzt werden. Bei Personen, die trans sind, muss diese von einem*einer Ärzt*in, Psycholog*in oder Psychotherapeut*in durchgeführt werden. Eine Bestätigung gibt es im Wesentlichen nur unter den selben Voraussetzungen, die bisher maßgeblich für die Gutachten waren. Das ist also eigentlich nur der gleiche Unfug wie vorher, mit einer neuen Bezeichnung, die besser klingt. Gewonnen ist hier gar nichts. Es geht nicht um mein Geschlecht, sondern darum, dass ich wen überzeugen muss, dass das so ist.

Eine weitere Änderung ist, dass auch Ehegatten vor Gericht angehört werden müssen. Wenn ich also so einen Beratungsschein habe, aber meine Partner*in sich ungünstig äußert, ist meine Namens- und Personenstandsänderung erstmal im Schredder.

Dritte wesentliche Änderung: Wenn ich ein Verfahren verliere, darf ich für drei Jahre kein neues Verfahren zur Namens- oder Personenstandsänderung anstoßen. Das ist auch sehr schlecht. Wenn es uns nicht wichtig wäre, unsere Namen ändern zu können, würden wir den Scheißzirkus nicht mitmachen. Und wenn jetzt irgendwer auf die Idee kommt, “Nein” zu sagen, sollen wir drei Jahre rumsitzen und Nase bohren? Was soll das?

Die Neuregelung würde weiterhin ausdrücklich festschreiben, dass die Rechtsverhältnisse zwischen einer Person und ihren Eltern oder Kindern sich durch die Personenstandsänderung nicht ändern würden. Das hieße, dass eine Person rein rechtlich immer die Mutter bliebe, auch wenn die Person rein rechtlich nach dem Verfahren – und faktisch auch schon vorher – ein Mann ist. Das ist einfach nur vorsätzlich bürokratisch und verletzend. Eine solche Regelung hat in meinen Augen rechtlich genau keine logische Begründung.

Und dann ist da noch diese Formulierung im Entwurf:

Das Gericht ändert auf Antrag einer Person, deren Geschlechtsidentität von ihrem eindeutig weiblichen oder männlichen Körperbild abweicht, an, dass die Angabe zu ihrem Geschlecht in einem deutschen Personenstandseintrag durch eine andere […] Bezeichnung, die dem Zugehörigkeitempfinden der Person entspricht, zu ersetzen oder zu streichen…

aus dem Referentenentwurf zur TSG-Neuregelung

Da stellen sich dann zwei Fragen. Erstens: Was heißt es, wenn die Geschlechtsidentität von einem Körperbild abweicht? Wie misst eins das? Wie stellt ein Gericht das fest?
Ehrlich. Es ist mir ein Rätsel. Ich bin Muttersprachlerin, ich weiß, was all diese Worte bedeuten, aber dieser Satz will einfach keinen Sinn ergeben. Wann weicht denn eine Identität von einem Bild ab? Was soll das heißen? Was soll ein eindeutig männliches Körperbild sein?

Und zweitens: Was bitte ist ein eindeutig männliches Körperbild?
Gerade, da es hier um Personen, die in einer Transition geht, halte ich das für schwer bedenklich: Ist ein Körperbild im Sinne dieses Entwurfes denn eindeutig männlich, wenn die Person bereits mit der Hormonersatztherapie begonnen hat? Diese Formulierung ist mir ein einziges Rätsel? Was soll sie bezwecken? Was will es mir sagen? Ne. Ganz im ernst. Ich komme da nicht mit.

Wird jetzt alles gut?

Sicher nicht. Vielleicht hätte ich auch eher fragen können: “Wie schlimm wird jetzt alles?” Das ist noch nicht gesagt. Nach der massiven Kritik der Verbände (unter anderem der Bundesverband trans, der dgti e.V. und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes haben Stellungnahmen abgegeben) wäre es durchaus möglich, dass das BMI oder das BMJV nochmal aufwachen und ihre Ideen anpassen. Zusätzlich haben auch viele Personen Mails an die Ministerien geschrieben oder angerufen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich noch viel ändert, aber theoretisch möglich. Letztlich wird der Bundestag über das Gesetz abstimmen müssen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit der Rechtslage befasst und Stellung bezogen. Viele der Statements sind tatsächlich öffentlich einsehbar und zeichnen ein sehr anderes Bild als das, was jetzt im Entwurf des BMI und BMJV steht. Eine Zusammenfassung der Position gibt es online. Darin unter anderem die Forderungen, das TSG durch ein Gesetz zum Schutz und zur Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt zu ersetzen und ein stärkeres Diskriminierungsverbot gegen geschlechtliche Vielfalt.

Hier stellt sich jetzt die Frage, wieso das BMI und BMJV nicht einfachmal im Familienministerium oder bei der Antidiskriminierungsstelle angerufen und gefragt haben, was für eine solche Reform denn wichtig wäre – oder warum das überhaupt in deren Zuständigkeit liegt. Ich bin da einigermaßen fassungslos und ziemlich stinkig und würde gerne den verantwortlichen Leuten im BMI auf den Tisch kacken. Es ist schon schwierig, dem Innenminister nicht zu unterstellen, dass er vorsätzlich trans- und interfeindlich agiert, sehenden Auges ignoriert, was wissenschaftlich oder menschenrechtlich angebracht wäre und eigentlich nur Diskriminierungen und Schikane weiter festschreiben will.

Was wäre denn besser gewesen?

Einfach nicht machen. Oder einfach richtig machen. Es gibt genug Staaten in Europa, die da eine ordentliche selbstbestimmte Rechtslage geschaffen haben. Das wäre zum Beispiel schon in Schweden, Dänemark, Malta, Norwegen, Belgien und Luxemberg der Fall. Dort sind Namens- und Personenstandsänderungen ohne Begutachtung möglich . Geht also alles, es braucht nur politischen Willen.
Der Bundestag hat sogar 2017 schon über einen deutlich besseren Vorschlag beraten. Dort waren Beratungsstellen auch vorgesehen, aber nicht verpflichtend. Why can’t we have nice things?

Wie gehts jetzt weiter?

Die beiden Ministerien haben nur sehr kurze Fristen für (offizielle) Stellungnahmen vorgesehen, diese Enden bereits heute, also am 10.05. Sinnvoll begründet, warum sie es so eilig haben, haben sie allerdings nicht. Ministerien sind in der Theorie offen für einen Dialog mit Bürger*innen und so kann dort nachgefragt werden, wie es um bestimmte Vorhaben steht und auch begründet werden, warum eins bestimmte Vorhaben ablehnt und darum bitten, dass das berücksichtigt werden sollte. Die Kontaktmöglichkeit für das BMJV und das BMI sind online zu entnehmen. Dabei gilt: Ja, wir sind sauer und wir sind unzufrieden, das dürfen wir auch sein und mitteilen, trotzdem sachlich bleiben. Davon, dass eine riesige Menge Menschen im Ministerium anruft, die Leute dort wüst beschimpft, statt etwas konstruktives zu Protokoll zu geben, wird ganz sicher niemand auch nur versuchen etwas zu ändern.

Sobald die Ministerien dann mit ihrem Entwurf zufrieden sind, wird es im Bundestag auf die Tagesordnung kommen und dort nach zwei Lesungen und Beratungen in den zuständigen Ausschüssen, eventuell abgeändert, beschlossen werden. Alle Abgeordneten im Bundestag haben sowohl in ihren Wahlkreisen als auch im Bundestag ein Büro. Und sowohl für die Abgeordneten als auch deren Angestellte in den Büros gilt das selbe wie für die Ministerien – die freuen sich, wenn sich wer meldet und sachlich aber bestimmt angibt, was wichtig oder gut wäre. Der Vorteil bei den Abgeordneten ist dabei, dass die nächste Wahl ganz bestimmt kommt und viele sich freuen, wenn sie noch eine Amtszeit gewählt werden. Es könnte sich also lohnen zu gegebener Zeit mal eine freundliche Note dort zu hinterlassen.

Abseits vom formalen Verfahren und dem, wie eins als Einzelperson hier Einfluss nehmen kann, hoffe ich, dass sich breite Bündnisse formieren, geeint in der Ablehnung dieses Reformvorschlages, die mit lautem und kreativem Protest sowohl de r Öffentlichkeit als auch der Bundesregierung klar machen, dass diese Reform so niemand will und niemand braucht.

Ich werde in dieser Sache meinen Schnabel jedenfalls nicht halten, bevor wir keine anonynem, kostenlosen, neutralen Beratungsmöglichkeiten dafür haben, zu deren Inanspruchnahme uns niemand verpflichtet. Bevor wir kein Gesetz haben, das uns ohne irgendeinen Nachweis ermöglicht, Name und Geschlecht in den Registern zu ändern, und dabei auch das Offenbarungsverbot aufrecht erhält. Bevor wir nicht einfach auf ein Rathaus oder Bürger*innenbüro gehen können und da einen Antrag unterschreiben können, um Name und Personenstand ändern zu lassen. Bevor es kein starkes und eindeutiges Diskriminierungsverbot auch aufgrund der Geschlechtsidentität gibt. Vorher gibts von mir keine Ruhe.

Enby Q&A 30

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

Als ich angefangen habe, mich in Feminismus einzulesen war ich ziemlich schnell bei “Geschlechterrollen sind Unfug und können gerne für immer verschwinden”. Für mich stand das lange im Konflikt mit enby sein, denn ohne Geschlechterrollen ist gender halt irgendwie auch hinfällig? Aber emotional fühle ich mich trotzdem enby. Ich kriege das irgendwie nicht vereinbart und es nagt total an mir.
Hast du da vielleicht ein paar gute Argumente um meinen Kopf zum Schweigen zu bringen? Du schreibst immer so toll validierende Dinge.

Das Stichwort heisst “Geschlechtsidentität” ^^ und das ist exakt das, was du beschreibst!
Dieses Gefühl, dass du eben nichtbinär bist. Unabhängig von Geschlechterrollen und anderen Geschlechterstereotypen. Einfach das Wissen um dein Geschlecht und das Gefühl, dass es das und kein anderes ist.

Deswegen ist auch “ohne Geschlechterrollen ist gender hinfällig” für mich Quatsch. “Gender” meint meistens soziale Attribute von Geschlecht, und natürlich gibt es da Zusammenhänge zu körperlichen Attributen und zu Identität – aber es ist im Endeffekt eben trotzdem losgelöst davon. Wenn du eins davon wegnimmst, werden die anderen trotzdem erstmal weiter existieren. Wahrscheinlich werden sie sich mit der Zeit ein bisschen neu sortieren, aber sie sind nicht sofort mit weg.

Enby Q&A 29

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Ich dachte lange, dass ich keine Dysphorie bzgl meines Intimbausatzes habe, stelle aber mittlerweile fest, dass das nicht so ist. Mit dem Körpergefühl selbst komme ich irgendwie klar, aber ich finde es so unglaublich schwierig, über diesen Teil meines Körpers zu sprechen. Sowohl medizinische, als auch eher vulgäre Bezeichnungen sind für mich so unweigerlich mit meinem zugewiesenen Geschlecht verknüpft, dass es sich so furchtbar falsch anfühlt, diese Organe so zu bezeichnen.
Kennst du das Problem? Kennst du begriffliche Alternativen, die ohne diese Verknüpfungen zu einem binären Geschlecht auskommen, aber spezifischer als “Intimbausatz” sind?

Ui cool, das klingt sehr ähnlich wie’s mir damit auch geht ^^

Bei mir ist quasi alles okay, solange ich nicht den Eindruck habe, dass Leute meinem Körper irgendwelche geschlechtlichen Assoziationen aufdrücken. Und das passiert halt über Begriffe extrem schnell.
Naja und dann kommt noch dazu, dass ich Teile davon ästhetisch ansprechend finde, aber nicht zu mir passend. Das was passen würde fände ich hingegen nicht ästhetisch ansprechend. Es ist ein Dilemma ^^

Zu deiner Frage: Im Prinzip ja? Aber es ist schwierig.
Also zum einen weiss ich jetzt nicht, was genau du benennen willst, und zu welchem Zweck. Ich glaub da gibts grosse Unterschiede.
Und zum anderen ist es leider total individuell, was du als vergeschlechtlicht empfindest und was nicht.

Achtung, ich glaub meine Erklärungen sind recht grafisch.

Für mich ist zum Beispiel der Begriff “Erektion” komplett geschlechtsneutral. Der Begriff sagt eigentlich nur, dass der Hubbel mit den Schwellkörpern drin grösser und härter wird als sonst. Es sagt nichts darüber aus, wie gross der Hubbel ist, oder ob eine Harnröhre mittendurch führt, und wenn ja, wo genau sie endet. Aber ich gehe davon aus, dass viele Leute diesen Begriff nicht als geschlechtsneutral empfinden.

Für den ganzen Bereich geben viele Leute ihrem eigenen Kram auch einfach persönliche Namen. Das kann sowas wie “da unten” sein, oder “Rosi” (weil rosa Farbe) oder “mein gehtdichnixan” oder “radioaktives Weltraumgemüse” oder “Orchidee” und so weiter. Sei ruhig kreativ!

Und für einzelne Teile greife ich gern auf medizinische oder rein beschreibende Bezeichnungen zurück. Also eben sowas wie “Hubbel” (auf wissenschaftlich heisst das Ding nämlich “Genitalhöcker” bevors gross wird) oder “Gebaumel” oder “Falten” oder “den oberen Teil” oder “Kugeln” oder so.

Manchmal kanns auch helfen, einfach gezielt die unüblicheren Bezeichnungen zu verwenden. Ob du jetzt “grosse Labien” oder “Sack” dazu sagst, das ist eigentlich literally nur durch eine Raphe getrennt. Aber für dich kann es den Unterschied zwischen Dysphorie und keine Dysphorie machen.