Kummerkasten Antwort 248 – Kann ich mehrere Identitäten/Labels haben?

TW: In diesem Beitrag wird sexuelle Gewalt erwähnt (aber nicht im Detail).

Hallo liebes Team vom Queer Lexikon,
ich finde euch einfach Klasse, wie ihr den Menschen helft ist einfach genial.
Heut bräuchte ich mal eure Meinung/Hilfe.

1. Ich habe schon einige Beziehungen mit Frauen und Männern geführt. Auch mit Trans – Boys, schwulen, bisexuellen. Mir ist eigentlich egal, solange mir die Person gefällt und mir guttut.

2. Geboren bin ich als Mann, möchte mich nicht um operieren, fühle mich aber nicht in allen Situationen so. In vielen Situationen verhalt ich mich lieber Weiblich. Aber es gibt auch Situationen, wo ich mich männlich verhalte. Oder sogar gar nicht weiß, was ich genau bin. Ich trage auch selten heimlich zuhause Kleider und schmink mich, würde auch gern so auf die Straße gehen, trau mich das aber nicht. Diesen Zustand von Schminken möchte ich nicht in allen Situationen ausleben. Ich fühl mich oft einfach in dieses Geschlecht der Männlichkeit hineingestopft (Ich hoffe man kann verstehen was ich meine).

3. Ich hatte auch mit einigen Geschlechtern sex. Nur dieser gefällt mir bei allen nicht besonders, dies kann vielleicht auch an der sexuellen Gewalt, die ich von Fremden, im Alter von 16 erfahren musste, liegen. Also ich fühle mich schon zu Menschen hingezogen, also Kuscheln, Küssen, streicheln etc. gefällt mir, nur alles was weiter geht, das geht irgendwie nicht.

Meine Frage ist jetzt eigentlich was bin ich?
Kann ich mehreres gleichzeitig sein, da ja Punkt 1,2 und 3 vollkommen andere Dinge sind?
Es wäre toll, wenn ihr das Beantworten könntet.

Liebe Grüße ?.

Postskriptum: Dankeschön im Voraus.

Hallo du,

um deine wichtigste Frage zuerst zu beantworten: Selbstverständlich kannst du “mehreres gleichzeitig” sein – es gibt keine Begrenzung, wieviele Labels du benutzen darfst und kannst. Du kannst einfach so viele verwenden, wie du brauchst, um dich gut zu beschreiben. Es gibt sogar einige Menschen, die in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Labels verwenden. Alles, was dir hilft, dich zu beschreiben, ist in Ordnung.

  1. Viele Menschen, denen das Geschlecht (und die Sexualität) ihrer Partner*innen egal ist, verwenden den Begriff “pan”, bzw. “pansexuell” oder “panromantisch” für sich. Pan sind Menschen, die sich grundsätzlich zu allen Menschen hingezogen fühlen können, ganz unabhängig vom Geschlecht. Panromantik beschreibt dabei die romantische Anziehung, also den Wunsch, mit diesen Menschen in einer Beziehung zu sein und/oder romantische Nähe zu erleben, Pansexualität beschreibt die sexuelle Anziehung, also den Wunsch, diesen Menschen sexuell/intim näher zu kommen. Für manche Menschen ist es sinnvoll, die romantische und die sexuelle Ebene zu trennen, für andere nicht. Du kannst selbst entscheiden, was für dich besser passt.
  2. In unserer Gesellschaft sind Geschlechterrollen sehr eng definiert, und vor allem Männern werden nicht viele Freiheiten darüber gegeben, wie sie ihr Geschlecht ausdrücken dürfen. Aber auch Männer können und dürfen Makeup und Kleider tragen, wie z.B. Stars wie Keiynan Lonsdale und Billy Porter uns vormachen – die sind trotzdem immer noch Männer, aber definieren neu, was es bedeutet, ein Mann/männlich zu sein. Du darfst gerne jederzeit alle diese Dinge, zu denen du ein Bedürfnis hast – Makeup und Kleider tragen, dich feminin/weiblich verhalten etc. – tun, und dich trotzdem noch als Mann bezeichnen. Wenn du das möchtest. Wenn du aber den Eindruck hast, dass das nicht ganz passt, gibt es vielleicht andere Begriffe, die besser passen. Du beschreibst z.B. dass deine Art, dein Geschlecht auszudrücken, sich je nach Situation ändert; das könnte z.B. dafür sprechen, dass du genderfluid bist. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich je nach Situation oder mit der Zeit immer wieder ändern kann. Viele Menschen, die Männlichkeit (und Weiblichkeit) zu einengend finden und sich darin nicht wiederfinden, bezeichnen sich auch als genderqueer, gender-nonconforming oder nichtbinär. Oder es kann sein, dass du evtl. eine trans Frau bist. Nicht alle trans Frauen wollen ihren Körper verändern, und viele trauen sich nicht, ihre Weiblichkeit offen auszuleben, weil sie Angst haben vor Diskriminierung und Gewalt. Vielleicht horchst du einfach mal ganz tief in dich hinein und schaust, welcher dieser Begriffe sich für dich richtig und passend anfühlt – oder du kannst sie auch alle mal für eine Zeit ausprobieren, wenn du dir noch unsicher bist, ob irgendwas davon passt, und wenn ja welches. Wichtig ist dabei immer, dass du auf dich achtest und nichts tust, was sich nicht gut und richtig anfühlt.
  3. Es ist schwierig, die sexuelle Anziehung von den negativen Erfahrungen zu unterscheiden, die du in der Vergangenheit im Bezug auf sexuelle Gewalt gemacht hast – für manche Menschen ist das auch ganz untrennbar. Es klingt für mich, als könntest du asexuell sein – du schreibst, du fühlst dich zu Menschen hingezogen und magst auch Intimitäten wie Kuscheln, aber dir gefällt Sex nicht so. Asexuell sein bedeutet, dass du keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen empfindest. Wenn es dir wichtig ist zu unterscheiden, dann kannst du tief in dich hineinhören und überlegen, ob du tatsächlich kein sexuelles Interesse an anderen hast, oder ob du nur vorsichtig geworden bist im Bezug auf sexuelle Aktionen, weil du Angst davor hast, verletzt oder benutzt zu werden. Wichtig ist aber so oder so, dass du wiederum auf dich achtest und einfach schaust, was dir wirklich gut tut und was du möchtest.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen und wünsche dir alles Gute! Danke auch für das liebe Kompliment – wir sind gerne für euch da und Kommentare wie deiner motivieren uns immer total und bestärken uns in unserer Arbeit. <3

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 218 – Meine Haare lösen Dysphorie aus

Hallo.

Und zwar gibt es etwas was mich ein wenig stutzig macht.
Ich bin trans und nicht geoutet.
Meine Haare bringen mir gelegentlich Dysphorie und ich bin mir unschlüssig, was ich jetzt machen soll.
Meine Haare sind bis zur Schulter lang und ich frage mich wie ich sie männlicher wirken lassen kann da ich denke dass kurze Haare mir mit meinem runden Gesicht nicht stehen werden.
Gibt es da Tricks die ich anwenden könnte?
Besten Dank!
Zedrik

Hallo Zedrik!

Ich persönlich finde nicht, dass es irgendwelche Gesichtsformen gibt, zu denen kurze oder lange Haare passen oder nicht passen – das ist ja alles nur irgendwelche Mode, wo mal irgendwer beschlossen hat, was gerade “in” ist und was nicht. Ich kann aber auch verstehen, wenn du deine Haare nicht abschneiden willst – das ist schließlich ein großer Schritt. Es ist vollkommen okay, deine Haare so zu tragen, wie du dich am wohlsten fühlst.

Lange Haare sind ja nicht an sich unmännlich, und es gibt viele Männer, trans und cis, die ihre langen Haare mit Stolz tragen. Wie genau lange Haare “männlicher” wirken ist schwierig zu sagen, weil der gleiche Haarstil bei unterschiedlichen Menschen ganz anders aussehen kann. Du kannst ja einfach mal die Augen offen halten, ob du – in der Öffentlichkeit oder auf Fotos – ein paar Männer mit langen Haaren findest, deren Looks dir gefallen. Ich persönlich folge gerne Leuten auf Instagram, deren Looks ich inspirierend finde. Allgemein kann ich nur sagen: Männer tragen ihre langen Haare oft “unordentlicher” als Frauen, also mit weniger definiertem Scheitel oder ganz ohne Scheitel, und wenn sie ihre Haare zusammenbinden, dann meistens in einem eher unordentlichen “Knoten” statt in einem ordentlichen Dutt oder Zopf. Außerdem sieht eine große Stirn oft “männlicher” aus, also hilft es auch, die Haare aus dem Gesicht zu halten und z.B. hinter die Ohren zu schieben.

Das alles sind eben normative Vorstellungen von Männlichkeit, und es bleibt vollkommen dir überlassen, was du daraus machst. Tu einfach, womit du dich wohl fühlst, das ist genau richtig so.

Alles Gute für dich!
Balthazar

Gender

Gender: Gender beschreibt auf einer wissenschaftlichen Ebene das sozial konstruierte Geschlecht und auf einer aktivistischen und persönlichen Ebene die Geschlechtsidentität einer Person. Geschlechtsidentität bedeutet hier die persönliche Vorstellung vom eigenen Geschlecht und der eigenen Geschlechterrolle. Innerhalb der Gesellschaft ist Gender das Konzept, nach dem wir verschiedene Ideen wie sozialen Status, Geschlechtspräsentation, Rolle in der Gesellschaft, Lebensplanung und Sexualität in die Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit einordnen.

Körperliches Geschlecht

Körperliches Geschlecht: Das körperliche Geschlecht eines Menschen ist eine gesellschaftliche bzw. kulturelle Konstruktion, bei der verschiedenen Körperteilen, wie beispielsweise Genitalien, Hormonen und Chromosomen, eine Geschlechtlichkeit zugeschrieben wird. Zum Beispiel wird in unserer Gesellschaft ein Penis als Code für Männlichkeit gesehen. „Konstruktion“ bedeutet, dass es kein natürliches körperliches Geschlecht gibt, sondern unsere Gesellschaft dies erst erschaffen hat, zum Beispiel durch die Erwartung, dass alle Frauen Eierstöcke haben. Diese Vorstellung ist aber fehlerhaft und diskriminierend, beispielsweise für inter Menschen, deren Körper nicht in das zweigeschlechtliche System passen. Außerdem sagen Körpermerkmale nichts über das Geschlecht aus, mit dem sich eine Person identifiziert. So kann es beispielsweise auch Männer geben, die Brüste und eine Vagina haben.

CAMAB

CAMAB: Die Abkürzung CAMAB steht für “coercively assigned male at birth”, also “bei Geburt dem männlichen Geschlecht gewaltsam zugewiesen”. Diese Formulierung wird vor allem von inter Personen benutzt, die bei ihrer Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen und dementsprechend operiert wurden, ohne dass ihr Einverständnis vorlag. Die Formulierung kann aber auch von trans Personen benutzt werden, die damit ausdrücken, dass sie aufgrund ihrer Genitalien einem Geschlecht zugewiesen wurden, dem sie sich nicht zugehörig fühlen.

Androsexualität

Androsexualität, androsexuell: Androsexualität bezeichnet die sexuelle Anziehung einer Person zu Männern oder maskulinen Personen. Diese Art, eine sexuelle Orientierung auszudrücken, ist beispielsweise für nichtbinäre Menschen eine gute Alternative, weil sie, anders als beispielsweise ‘heterosexuell‘, nichts über das Geschlecht eines sich so bezeichnenden Menschen aussagt.

Binäres Geschlecht

binäres Geschlecht: Die Binarität der Geschlechter bezieht sich auf das westliche Geschlechtersystem, das nur zwei Optionen (und keine Zwischenstufen) zulässt, nämlich männlich und weiblich. Dies gilt für die gesamte Gesellschaft, z.B. die sozialen Rollen, Geschlechtsidentitäten und die körperlichen Geschlechter von Menschen. Damit wird so getan, als gäbe es intergeschlechtliche, nichtbinäre und andere Menschen, die nicht in dieses System passen, nicht. Dieses Geschlechtersystem wird gewaltvoll durchgesetzt, z.B. werden intergeschlechtliche Menschen medizinisch unnötigen Eingriffen ausgesetzt, damit sie einem binären Geschlechterbild entsprechen oder Jungen erleben Gewalt, wenn sie gerne Kleider tragen oder mit Puppen spielen wollen.