Kummerkastenantwort 335: Ich werde nicht als vollwertiger Mann wahrgenommen

Hallo Ihr hilfreichen Menschen!
Erst einmal danke: ich weiß nicht, wo ich mich sonst hinwenden soll.
Zu mir: ich bin 27, biologisch männlich, seit fünf einhalb Jahren ausgebildeter Ergotherapeut (“Basteltante“) und erlebe seit jüngster Kindheit immer wieder, dass ich aus der Gesellschaft heraus nicht als Mann wahrgenommen werde.
Als Grundschulkind hänselten mich meine Mitschüler wegen meiner sensiblen, weinerlichen Art, auf der weiterführenden Schule kam dann eine physiologische Unterlegenheit (klein, schmächtig, kindliches Gesicht) hinzu, die mit aufgegriffen wurde.
Ich entwickelte in meiner Jugend eine starke Abneigung gegen mein angeborenes Geschlecht, da ich durch fehlenden Bartwuchs (der auch heute noch spärlich ist), einen schlanken, zierlichen, femininen Körper und Gesicht, sowie lange Haare regelmäßig für weiblich gehalten wurde.
Ich begann mich zu schminken und diese Weiblichkeit mit radikalen Punkoutfits zu vermengen, um mich selbst zu schützen. Das habe ich mittlerweile abgelegt, kleide mich, insbesondere an der Arbeit, ‘normal’.
Dennoch galt und gelte ich im Freundes- und Bekanntenkreis als sensibel, schwach, hilfsbedürftig, werde regelmäßig körperlich unterschätzt, und auch im Berufs- und gesellschaftlichem Leben nicht als vollwertiger Mann wahrgenommen und akzeptiert. Weiterhin werde ich auf den ersten Blick häufig für weiblich gehalten, bekomme Post als Frau … und ‘männliche’ Aufgaben und Eigenschaften werden mir nicht zugetraut oder gleich aberkannt. In neuen sozialen Gruppierungen werden mir schnell Kosenamen wie ‘Prinzessin’ oder ähnliches angedichtet und mir wird regelmäßig geraten mir einen ‘Therapeutenbart’ wachsen zu lassen, damit ich ernst genommen werde (was rein physisch nicht möglich ist). Ich war der einzige Mann in meiner Ausbildungsklasse, habe also einen typisch ‘weiblichen Beruf’ erfasst.
Als meine derzeitige Freundin mich dann im Spaß neckte, weil ich bei ihrem unbekleideten Anblick keine Erektion bekam, begann ich in den letzten Tagen erneut über meine Geschlechtsidentität nachzudenken. Das Thema landete in meiner Beziehung auf dem Tisch und ich wurde gefragt, welches Geschlecht ich gerne wäre. Ich fand keine Antwort hierauf.
Ich fühle mich nicht als Mann, aber genauso wenig als Frau.
Ich kämpfe darum als Mann von der Gesellschafft (an-)erkannt zu werden und mein biologisches Geschlecht zu verteidigen. Aber viel lieber würde ich als Mensch wahrgenommen werden, mit seinen Eigenheiten, ohne geschlechtsspezifischen Bezug und Kategorisierung, sondern anhand meiner Kompetenzen und Leistungen beurteilt werden.
Was kann ich tun? Und was bin ich?
Vielen Dank für Eure Antworten.

Hallo lieber Mensch,

es tut mir leid, dass du so viele negative Erfahrungen zum Thema Geschlecht gemacht hast. Das macht es sicher schwierig, dich mit dieser Frage auseinanderzusetzen: Wer bin ich? Geschlecht ist sowieso schon kompliziert und wird nicht gerade einfacher, wenn dir alle immer reinreden und sich über dich lustig machen.

Miese gesellschaftliche Regeln für Männer

Es ist total unfair, wie streng die Regeln für ‘echte Männer’ sind. Um als richtiger Mann gesehen zu werden, müssen super viele Regeln erfüllt werden – körperliche Stärke, wenige Emotionen zeigen, Interesse an Sport, ein harter Beruf, usw. Viele Männer erleben, dass es gefährlich sein kann, allzu sehr von diesen Regeln abzuweichen. Von Witzfigur sein bis Gewalt erfahren kann da alles mit dabei sein. Natürlich ist es nicht deine Schuld, wenn du so behandelt wirst. Du solltest sein können, wer du bist, ohne dich verstellen zu müssen. Ich kann allerdings auch verstehen, dass es auf Dauer anstrengend ist und sehr unglücklich macht, so gegen den Strom zu schwimmen. Dafür wünsche ich dir erstmal viel Kraft, damit du weiterhin zu dir stehen kannst und deinen eigenen Weg gehst. Und ich hoffe, dass die Gesellschaft durch so wunderbare Leute wie dich endlich begreift, dass es ganz viele unterschiedliche Arten gibt, ein Mann bzw. ein Mensch zu sein, und dass keine davon wertvoller ist als eine andere.

Die Frage nach dem eigenen Geschlecht

Bei dir kommt noch dazu, dass du ja noch nicht mal sicher bist, ob du ein Mann bist. Das ist sicher schwierig, sich einzugestehen, wenn dein Umfeld dich wohl dein ganzes Leben lang genau dafür geärgert und diskriminiert hat. Deswegen bin ich ganz besonders glücklich darüber, dass du die Kraft findest, dich mit der Frage “Wer bin ich?” auseinanderzusetzen.

Ich kann dir diese Frage leider nicht einfach so beantworten; nur du allein kannst wissen, wer du bist. Aber ich kann versuchen, dir ein paar Ratschläge und Begriffe mit auf den Weg zu geben, die dir Orientierung geben können.

Geschlecht innen und außen: Ein paar Labels

Vielleicht hilft es dir, zwei Dinge voneinander zu trennen: Wer du innendrin bist und wie du nach außen gesehen werden willst. Vielleicht ist es dir wichtig, nach außen hin als männlich anerkannt zu werden – das heißt aber nicht, dass du deshalb auch innerlich männlich sein musst.

Du schreibst, dass du dich am ehesten als Mensch siehst, unabhängig vom Geschlecht, und dass dir Fähigkeiten und Charakter-Eigenschaften wichtiger sind als die Frage nach Mann oder Frau. Darauf passt vielleicht der Begriff “agender” ganz gut. Agender sind Menschen, die kein eigenes Geschlecht haben, die Geschlecht nicht wichtig für sich finden, oder die das ganze Konzept von Geschlecht nicht verstehen und nicht haben wollen.

Ein anderer Begriff, der vielleicht hilfreich ist, ist “genderqueer“. Das beschreibt Personen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von männlich und weiblich passen und die lieber ihr eigenes Ding machen wollen.

Ein Überbegriff für beides ist “nichtbinär“. Nichtbinär sind alle Menschen, die nicht immer und zu 100% männlich oder weiblich sind. Vielleicht sind sie irgendwas dazwischen, vielleicht ändert sich ihr Geschlecht immer mal wieder, vielleicht wollen oder können sie es nicht so genau definieren.

Was kannst du tun?

Du hast endlos viele Optionen. Hier sind ein paar Vorschläge, was ich an deiner Stelle tun würde. Es bleibt dir überlassen, ob das für dich passt, oder ob andere Möglichkeiten für dich besser sind.

Es kann nie schaden, Verbündete zu haben: Leute, die dich ohne Wenn und Aber unterstützen und die sich nicht lustig über dich machen, wenn du dich mal nicht so verhältst oder kleidest, wie es gesellschaftlich von dir erwartet wird. In so einem Umfeld wird es auch viel einfacher, Dinge auszuprobieren, um rauszufinden, womit du dich wohl fühlst. Ausprobieren ist ein anderer Tipp: Welches Label passt am besten zu dir? Wie möchtest du angesprochen und gesehen werden? In welcher Kleidung, in welcher gesellschaftlichen Rolle fühlst du dich wohl? Es ist vollkommen okay, da einfach ganz vieles auszuprobieren. Und zuletzt: Zu dir selbst stehen. Ich weiß, dass das anstrengend sein kann und auch nicht ganz ohne, wenn es ständig zu Witzen und Diskriminierung führt. Aber es wird auch dafür sorgen, dass du nach und nach herausfinden kannst, wer wirklich auf deiner Seite ist. Und du selbst sein kann sich außerdem total befreiend und gut anfühlen.

Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, du findest bald Antworten auf deine Fragen und ein Umfeld, das dich dabei unterstützt.

Alles Gute und viele Grüße,
Balthazar

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