Kummerkastenantwort 4.297:Bin ich trans? Oder ist das internalisierte Misogynie?

Hallo Kummerkasten,

Ich stecke momentan in einer heftigen Krise. Seit ungefähr vier Jahren denke ich darüber nach männlich zu sein. Während meiner Jugend (mit 14/15, fing ich an mich stark mit Männern zu identifizieren, wollte unbedingt einen Penis und konnte mir unter keinen Umständen vorstellen als Frau eine Beziehung einzugehen. Vor allem mit einem Mann. Habe dann versucht herauszufinden, ob ich lesbisch bin, wusste aber eigentlich immer, dass mein Geschlecht und nicht meine Sexualität das Problem ist. Jetzt frage ich mich, ob ich dachte oder denke männlich zu sein, weil ich recht viele “typisch männliche” Eigenschaften besitze (und deswegen ein Männchen Gefühl von mir habe) und nur einen Penis möchte, aufgrund von Mysogynie (Dominanzverhalten, will lieber Top sein (als Mann hätte ich wieder kein Problem devot zu sein (vielleicht aufgrund dessen, dass man als Mann dominanter gesehen wird?)). In den letzten Jahren habe ich oft eine Zugehörigkeit zur Männlichkeit, bezogen auf den Körper. Mein Problem sind aber ein paar sekundäre Geschlechtsmerkmale: Das die Muskeln stärker zu sehen sind als bei Frauen und wenn die Schultern in Relation zur Hüfte viel breiter sind (sehr schmale Hüfte, sehr breite Schultern). Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich denke, doch nicht trans zu sein. Das die ganzen Sachen, wo ich dachte, sie sprechen für trans sein, eher Produkte einer inneren Mysogynie sind. Deswegen stecke ich momentan fest. Der Gedanke eine Transition zu machen, führt dazu, dass ich mir die Frage stelle, was ist, wenn es doch nicht richtig ist und ich es dann bereue? Aber zurückrudern und als Frau zu leben, will ich auch zurzeit nicht. Was soll ich tun?

Hallo,

das klingt, als wäre alles bei dir im Moment ziemlich durcheinander. Ich kann mir vorstellen, dass das sehr anstrengend für dich ist.

Es ist so: internalisierte Misogynie kann viele Folgen haben. Internalisierte Misogynie führt aber in den seltensten Fällen dazu, dass Menschen sich dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Das ist eine Vorstellung, die hauptsächlich von TERFs und anderen transfeindlichen Gruppen gepusht wird und deswegen unverhältnismäßig oft in den Medien dargestellt wird. Wenn du dich wie ein Mann fühlst, ein Mann sein willst, dir wünscht, einen Penis zu haben – dann ist die wahrscheinlichste Erklärung dafür, dass du transmaskulin bist. Nicht, dass du internalisierte Misogynie hast.

Bei den meisten Menschen, die nicht in die Schönheitsideale des ihnen zugewiesenen Geschlechts passen, führt das übrigens auch nicht dazu, dass sie sich wünschen, ein Mann zu sein. Bei den meisten Menschen führt es dazu, dass sie unzufrieden mit ihrem Körper sind – ohne, dass sie ihre Geschlechtsidentität deswegen in Frage stellen. Dass du von Natur aus stärker definierte Muskeln und breite Schultern hast, hat für die Frage, ob du trans bist, oder nicht, nicht wirklich was zu bedeuten.

Vielleicht hilft es dir, einmal mit den vollkommen reversiblen Schritten eine Transition zu experimentieren? Du könntest ausprobieren, wie du dich mit Kleidung aus der Herrenabteilung fühlst, wie es sich anfühlt, wenn du z.B. in einem Videospiel einen männlichen Charakter spielst, oder wie es sich anfühlt, über dich selbst mit männlichen Pronomen zu reden.

Falls du Freunde hast, denen du dich anvertrauen kannst, kannst du auch die bitten, männliche Pronomen zu nutzen. Du könntest auch schauen, wie es sich anfühlt, einen Binder zu tragen. Das sind alles Sachen, bei denen du ohne größere Probleme “zurückrudern” könntest.

Wenn du dann merkst, das ist nichts für dich, dann hast du immerhin Gewissheit. Und wenn du merkst, das passt für mich, ich fühle mich als Mann wohler und mehr mit mir selbst im Reinen, kannst du immer noch darüber nachdenken, ob du tatsächlich medizinisch oder rechtlich transitionieren willst. Falls du das willst, ist das auch kein “Einknicken” vor dem Patriarchat oder irgend sowas – es ist dann einfach nur der Weg, der für dich am passendsten ist.

Liebe Grüße,
Elias

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